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Extrempositionen: Prostitution vs. Sexarbeit

Wie der Titel unseres Themenzyklus, Sexarbeit vs. Prostitution, schon ausdrückt, ist das Thema in feministischen Kreisen hochumstritten. Da die Meinungen und Argumentationen weit auseinandergehen, stellen wir euch im Folgenden die häufigsten Argumente und Vertreter*innen der extremen Positionen vor. Diese entsprechen nicht unserer eigenen Meinung, sondern sollen einen Eindruck von den Argumentationen der Befürworter- und Kritiker*innen geben.

Prostitution ist Sklaverei.
Prostitution ist immer gleichzusetzen mit der Unterwerfung der Frau.
Prostitution kann nie mit Selbstbestimmung einhergehen.

1. Contra-Argumente:

Feminist*innen, die die Bezeichnung Prostitution nutzen und diese ablehnen, sprechen grundsätzlich nur von Frauen, die als Prostituierte arbeiten, und nur von Männern, die das Gewerbe in Anspruch nehmen.

Argumentiert wird, dass die Sexarbeiter*innen nicht (nur) Sex verkaufen, „sondern ihre Entwürdigung. Und der Kunde kauft Macht.“1 Kritisiert wird hierbei die uneingeschränkte Verfügbarkeit und das totale Gefühl von Macht, die sich der Kunde kaufen kann.2 Die Möglichkeit, eine Frau für Sex zu bezahlen, suggeriere die Verfügbarkeit des weiblichen Körper und bedeute für alle Frauen immer als „käufliches Geschlecht“ gesehen zu werden.2

Darüber hinaus wird Prostitution als  Teil  der international organisierten Kriminalität betrachtet, die vor allem Menschenhandel und Zwangsprostitution ausmacht.2 Die Soziologin Sabine Grenz spricht hierbei von 2–20% der Sexarbeiter*innen, die in Deutschland zur Prostitution gezwungen werden.3 Alice Schwarzer spricht von 80–90%.4 Da die Dunkelziffer von nicht-angemeldeten Sexarbeiter*innen  unklar  ist, gibt es keine konkreten Zahlen. Für Prostitutionsgegner*innen ist jedoch klar, dass jede*r,  der*die  in  der Branche arbeitet sich zu einem*einer Mittäter*in dieser Verbrechen macht.5 Die Möglichkeit, dass sich einige Menschen aus freien Stücken für die Sexarbeit entscheiden, wird ausgeschlossen. Es fehlt die Unterscheidung zwischen Individuen, die freiwillig der  Sexarbeit  nachgehen  und  Menschen,  die  Opfer  von  Menschenhandel  sind bzw. werden.2

2. Begriffsklärung:

Diese Position vertreten Feminist*innen, die von ihren Kritiker*innen als „SWERF“ bezeichnet werden. SWERF steht für „Sex Work Exclusionary Radical Feminism“ und gehört (genau wie TERF = Trans-Exclusionary Radical Feminism) zum exkludierenden Radikalfeminismus. Auch wenn sie die Feminist*innen inhaltlich gegen verschiedene Gruppen, Prostituierte und Transsexuelle, wenden, geben beide vor, auf die Frage „Wann ist eine Frau eine Frau?“ eine Antwort zu haben.6 Beide Strömungen werden zumeist älteren Feminist*innen zugeschrieben, die die dritte Welle des Feminismus ablehnen. Sie werden daher meistens mit dem „Second Wave Feminism“ oder dem „Oldschool-Feminismus“ in Verbindung gebracht.7 Die SWERF-Position verwendet vorwiegend den mittlerweile umstrittenen Begriff der „Prostitution“.8

3. Vertreter*innen

Die bekannteste deutsche Feministin, der eine SWERF-Position vorgeworfen wird, ist Alice Schwarzer. Frauen, die nach eigenen Aussagen freiwillig in der Sexarbeit beschäftigt sind, wirft sie vor:

„Sie sind Täterinnen bzw. Mittäterinnen. Denn sie beuten entweder selber andere Frauen aus, oder aber sie tragen zur Verharmlosung und Propagierung der Prostitution bei. Zur Freude und so manches Mal wohl auch im Auftrag der Profiteure“.

Schwarzer, Alice (2013): https://www.emma.de/artikel/editorial-312913

Schwarzer sowie ihre Mitstreiter*innen sehen eine Bestrafung der Freier im Sinne des Nordischen Modells vor, wodurch sich die Wahrnehmung der Inanspruchnahme von Sexarbeiter*innen innerhalb der Gesellschaft automatisch verändern würde: „In immer mehr Ländern wird Prostitution geächtet, Frauen in der Prostitution werden beim Ausstieg unterstützt und Freier werden bestraft (Zuhälter und Bordellbetreiber sowieso!). Mit der Bestrafung der Kunden wird der Markt des Prostitutions-Systems ausgetrocknet. Vor allem aber: Es gilt als Schande, eine Frau zu kaufen – und nicht als ‚normal’“.1

Sexarbeit ist Selbstbestimmung.
Sexarbeit ist Selbstermächtigung der Frau.

1.Begriffserklärung

Der Begriff Sexarbeit wird erstmals Ende der 1970er Jahre von der Sexarbeitsaktivistin Carol Leigh auf einer feministischen Konferenz verwendet9 und seit der internationalen Hurenbewegung der 1980er Jahre vor allem im Rahmen des sexpositiven Feminismus als Synonym für Prostitution benutzt.10 Die Umbenennung ist Teil der Forderung, Sexarbeit als Dienstleistung anzuerkennen, zu entkriminalisieren und gegen die Stigmatisierung von Sexarbeiter*innen vorzugehen.2 Die Verwendung des Begriffs Sexarbeit grenzt sich damit deutlich gegen die des Begriffs derProstitution ab: Aus sexliberaler Sicht sollen Sexarbeiter*innen ein Recht auf eine freie und selbstbestimmte Berufswahl haben.2 Mit der Debatte über die Freiwilligkeit von Sexarbeit etabliert sich der sogenannte sexpositive Feminismus, der die sexuelle Freiheit als Mittel der Befreiung und Emanzipation der Sexarbeiter*innen sieht.11

2. Pro-Argumente

Auch wenn radikale und sexpositive Feminist*innen unterschiedliche, nicht zu vereinbarende politische Forderungen in Bezug auf Sexarbeit stellen, bleibt ihr Ziel dasselbe: Der Schutz und das Wohlergehen der Sexarbeiter*innen sowie deren Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.10 Anders als SWERF-Feminist*innen hinterfragt der sexpositive Feminismus die generalisierte Viktimisierung von Sexarbeiter*innen, ohne die Tatsache zu ignorieren, dass diese aufgrund ihres Berufs und der damit einhergehenden Stigmatisierung und Abwertung gefährdeter sind und weniger Hilfe und Schutz finden als andere Dienstleister*innen.2 Als Problemlösung wird aus den Reihen des sexpositiven Feminismus nicht das Verbot von Sexarbeit und eine Illegalisierung angestrebt, sondern die Entkriminalisierung und eine soziale Eingliederung des Berufes in die Gesellschaft.12

3. Vertreter*innen

In den sexpositiven Reihen finden sich einige Organisationen mit und von Sexarbeiter*innen. 1980 machte das Projekt Hydra, eine Beratungsstelle, den Anfang.13 Der Hintergrund: Angestellte einer Beratungsstelle für Geschlechtskrankheiten werden auf die sozialen Probleme von Sexarbeiter*innen, die sich 1979 noch im zweiwöchentlichen Rhythmus auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen müssen, aufmerksam und beschließen, eine Einrichtung für die Probleme und Belange von Sexarbeiter*innen zu gründen.2 Seither verfolgt Hydra drei Ziele: Beratungen, politische Lobbyarbeit und Öffentlichkeitsarbeit für die Bedürfnisse und Interessen von Sexarbeiter*innen.2 Ziel des Projekts ist, Sexarbeiter*innen zu empowern und sich für ihrer Selbstbestimmung einzusetzen. (Vgl. ebd.)) Ähnliche Ziele verfolgt der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD e.V.), der 2013 in Köln gegründet wurde.14 

Auch die Kampagne „Sexarbeit ist Arbeit“ setzt sich seit 2017 für die Menschenrechte von Sexarbeiter*innen ein. Feminist*innen, Sexarbeiter*innen und Sozialarbeiter*innen fordern die Abschaffung des Prostituiertenschutzgesetz15 und die Gleichstellung von Sexarbeit mit anderen Dienstleistungen.16

Autorinnen

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  1. Schwarzer, Alice (2019): https://www.emma.de/artikel/ich-habe-nur-glueck-gehabt-336687 [] []
  2. Vgl. ebd. [] [] [] [] [] [] [] [] []
  3. Vgl. Endres, Alexandra (2013):https://www.zeit.de/wirtschaft/2013-11/prostitution-freier-zwang-interview []
  4. Vgl. Schwarzer, Alice (2013): https://www.emma.de/artikel/editorial-312913 []
  5. Vgl. Miano, Audrey (2017): https://femmagazine.com/feminism-101-what-is-a-swerf/ []
  6. Vgl. Amelung, Till Randolf (2017): https://jungle.world/artikel/2017/49/im-auge-des-shitstorms []
  7. Vgl. Yaghoobifarah, Hengameh (2016): https://missy-magazine.de/blog/2016/12/01/was-ist-denn-swerf-und-terf/ []
  8. Vgl. Lena (2020): https://klitcologne.de/einfuehrung-sexarbeit/ []
  9. Vgl. Hasan, Maria (2018): missy-magazine.de/blog/2018/11/20/sexarbeit-ist-arbeit/ []
  10. Vgl. Küppers, Carolin (2016): https://gender-glossar.de/glossar/item/58-sexarbeit [] []
  11. Vgl. Sigel, Mira (2016): https://diestoerenfriedas.de/tag/sexpositiver-feminismus/ []
  12. Vgl. Wölfl, Lisa (2015): https://www.vice.com/de/article/vdjqw8/sexarbeit-amnesty-entkriminalisierung-547 []
  13. Vgl. Schug, Lisa (2019): https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/hydra-ev-treffpunkt-und-beratung-fuer-prostituierte []
  14. https://berufsverband-sexarbeit.de []
  15. 2017 tritt das Prostituiertenschutzgesetzte in Kraft, das eine Anmeldepflicht für Sexarbeiter*innen und Erlaubnispflicht für alle Sexarbeitsgewerbe vorschreibt. Es wird vor allem dafür stark kritisiert, dass es Sexarbeit stigmatisiert und schikaniert, statt sie zu schützen. Vgl. Lena (2020): https://klitcologne.de/einfuehrung-sexarbeit/ []
  16. Vgl. https://www.sexarbeit-ist-arbeit.de/menschenrechte-von-sexarbeiterinnen/ []

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