Salonthema,  Weißer Feminismus

Das Problem mit weißem Feminismus

Wie die Betrachtung unserer Bloginhalte gezeigt hat, denken wir unsere Inhalte ziemlich weiß. Aber was heißt das überhaupt und warum ist das problematisch?

Was ist weißer Feminismus?

Der Begriff weißer Feminismus (white feminism) kommt aus der englischsprachigen Women of Color-Bewegung, die bei weißen Feminist:innen mangelndes Bewusstsein für Intersektionalität kritisiert. Der weiße Feminismus sieht somit verschiedene Gründe für Diskriminierung nicht. Ein beliebtes Beispiel dafür ist der Kampf um den Arbeitsmarkt und gleichen Lohn. Viele feministische Verbände und Feminist:innen fordern gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit und weniger Nachteile für Mütter auf dem Arbeitsmarkt. So gut diese Forderungen grundsätzlich sind, wird dabei übersehen, dass nicht jede FLINTA überhaupt denselben Zugang zum Arbeitsmarkt hat. Konkret gesagt: Eine Person of Color hat es noch viel schwerer, an denselben Job zu kommen und verdient oft weniger als ihre weißen Kolleg:innen. Intersektionaler Feminismus bedeutet in diesem Beispiel das Zusammenspiel von Rassismus und Patriarchat zu bedenken. Als Konsequenz wird die Struktur des Arbeitsmarktes grundsätzlich in Frage gestellt. Andere Beispiele umfassen auch die Überkreuzung (à la Kimberlé Crenshaw) mit sozialer Herkunft (Klasse), Alter, körperlicher Einschränkung, geschlechtlicher Identität, Religionszugehörigkeit oder sexueller Orientierung.

Jutta Rinas, „Autorin Alice Hasters: ‚Feminismus in Deutschland wird zu weiß gedacht‘“, auf: Website Redaktionsnetzwerk Deutschland, 6. März 2021.
Warum ist weißer Feminismus problematisch?

In Tupoka Ogettes Worten handelt weißer Feminismus nicht davon, dass die Forderungen gegen sie als Women of Color gerichtet sind.1 Stattdessen kritisiert sie, dass sie als WoC in feministische Überlegungen und Kämpfe nicht mit einbezogen wird. Mit den eigenen Problemen nicht sichtbar zu sein und somit Menschen innerhalb der feministischen Bewegung auszugrenzen, verändert nur die Lebensbedingungen einer Gruppe: der weißen Feminist:innen. 

Fatima Remli, „Wie weißer Feminismus Islamophobie vorantreibt. Kein Angriff, sondern eine Aufforderung zum Umdenken“, auf: Website renk Magazin, 28. Dezember 2020.

Doch es gibt auch Beispiele, in denen sich Feminist:innen gezielt gegen selbstbestimmte Rechte aller Frauen einsetzen und rassistisch verhalten. Alice Schwarzer bei der Zeitschrift Emma oder die deutschlandweit größte Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes setzen sich beispielsweise für ein Kopftuchverbot in Deutschland ein. Dabei reproduzieren sie das Klischee, alle Frauen mit Migrationsgeschichte oder muslimischen Glaubens würden gezwungen, Kopftücher zu tragen. In ihrer Argumentation geht dies nicht mit westlicher Emanzipation einher, in der Frauen selbst über ihre Kleidung bestimmen dürfen. Einzelne Schicksale von Frauen, die unfreiwillig Kopftücher tragen, füttern diese Narrative – und spielen außerdem rechten Argumentationsmustern in die Karten. 

Dr. Natasha A. Kelly, „Wie kann weißer Feminismus Teil der intersektionalen Debatte werden?“, Keynote Burning Issues meets Kampnagel, 31. Oktober 2020, Minute 55, auf YouTube.

Ein weiteres Problem des weißen Feminismus ist es, die Existenz und Geschichte anderer feministischer Bewegungen zu ignorieren. Die Geschichte des Schwarzen Feminismus reicht ebenso weit zurück, ist seit ehedem intersektional ausgerichtet und hat das Wort geprägt. Auch queerer und trans Feminismus hat entscheidende Impulse für das Streben nach Gleichberechtigung geliefert. Ihre Verdienste werden oft übersehen oder weiß umgedeutet (white washing). So wurde die #metoo Bewegung gekapert oder bei Stonewall erst in den letzten Jahren die Verdienste Schwarzer Aktivist:innen hervorgehoben. ((Alison Phipps, “White Tears and White Rage: Victimhood and (as) Violence in Mainstream Feminism”, in: European Journal of Cultural Studies, 24. Jg., Nr. 1, 2021, S. 81-93.))

Meint ihr, wir sollten Feminismus durch Feminismen ersetzen, um diese Vielfalt anzuerkennen? Sich diese Bewegungen, ihre Aktivist:innen und Stimmen anzuhören, erweitert die eigene Blase. Sie zu unterstützen und mit ihnen zusammenzuarbeiten, ist notwendig, um gemeinsam bestehende Strukturen grundlegend zu verändern.


Zur Sprache auf diesem Blog: Immer, wenn wir Genderbezeichnungen nutzen, beziehen wir uns gleichermaßen auf trans wie cis Menschen. Uns ist bewusst, dass die von uns verwendeten Begriffe soziale Konstrukte sind und es mehr als zwei Geschlechter gibt. Um gendersensible Sprache zu verwenden, nutzen wir den Doppelpunkt. Falls wir über eine Person schreiben, die sich eine andere Selbstbezeichnung wünscht, verwenden wir diese.

Schwarz wird großgeschrieben, da dies nicht für eine Hautfarbe, sondern politische Selbstbezeichnung steht. weiß wird kursiviert, da es sich dabei um eine priviligierte Positionszuschreibung handelt.

Autorin

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  1. Laura Vorsatz, „Feministisch Streiten 3: Tupoka Ogette über weißen Feminismus und Intersektionalität“, Folge 17, Podcast Feminismus mit Vorsatz, 19. Feburar 2021, Minute 8. []

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