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Meinungsbild: Zitate zu Sexarbeit vs. Prostitution

Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Feminist*innen zum Thema Sexarbeit vs. Prostitution waren nicht immer so groß: Erst seit Mitte der 1980er-Jahre wird Prostitution als freie Jobwahl diskutiert.1 Sie werfen den Prostitutionsgegner*innen unsichere Statistiken sowie eine verallgemeinerte Opferrolle vor, während umgekehrt eine kapitalistische Logik („Sexarbeiter*in“, „Kunde“ oder „Klient“) sowie die Zusammenarbeit mit einer Freierlobby kritisiert werden. Als Ergänzung zur Vorstellung der radikalfeministischen und sexpositiven Positionen, haben wir euch einige Zitate von heutigen Vertreter*innen rausgesucht, die die Bandbreite an Argumenten aufzeigen.

Warum kann es für eine Frau nicht okay sein, Sex zu lieben und in der Sexarbeit zu arbeiten? Schließlich existieren wir nur dank Sex. Ich wünsche mir, dass es nicht mehr so etwas Verbotenes ist. Sondern für diejenigen, die es mögen, ein Thema sein kann. Wie Mode, Sport oder das Internet.2




Josefa Nereus (*1980er) ist Sexarbeiterin und war bis 2019 für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen e. V. zuständig.



Sheila Jeffreys (*1942) ist eine ehemalige Professorin für Politikwissenschaften an der University of Melbourne, Australien.

Unfortunately, we cannot keep an industry simply because some within it say that it is good for them. The majority wish to leave, there are serious harm to health in prostitution.3

Mit der Behauptung, die Prostitution sei „Frauen angetane Gewalt“, soll verdeckt werden, dass eigentlich die Ehe den Frauen angetane Gewalt ist, wie fast alles, was wir ertragen müssen. Und diejenigen, die sich unentgeltlich ficken lassen, müssen sich weiter anhören, sie hätten die einzig mögliche Entscheidung getroffen, wie sonst sollte man sie bei der Stange halten? Die männliche Sexualität an sich ist keine Gewalt gegen Frauen, wenn sie einverstanden sind und gut bezahlt werden. Gewalt ist vielmehr die Kontrolle, die über uns ausgeübt wird, das Recht, an unserer Stelle zu entscheiden, was würdig ist und was nicht.4












Virgines Despentes (*1969) ist Schriftstellerin und Regisseurin, die als Gelegenheitsprostituierte arbeitete.








Alice Schwarzer (*1942) ist Journalistin und Herausgeberin der feministischen Frauenzeitschrift Emma.

Vor den hunderttausenden, meist osteuropäischen, Elendsprostituierten verschließt ihr die Augen. Stattdessen idealisiert ihr die paar tausend, meist deutschen, so genannten „freiwilligen“ Prostituierten, die es hierzulande noch gibt. Das sind Gelegenheitsprostituierte, das sind selbstständige Dominas oder Ex-Prostituierte, die längst ein eigenes „Studio“ betreiben, wo sie andere Frauen für sich ­anschaffen lassen.5

Das Schlagwort «Menschenschmuggel» umschreibt die komplexe Situation nicht treffend. Eher waren sie gutgläubig. Sie waren verliebt in einen Mann, unterschrieben Verträge, die sie gar nicht verstanden. Aber das heisst auch, sie waren bereit, hohe Risiken einzugehen, um ihr Land verlassen zu können, um – wie sie glaubten – ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. […] Man ist nie total von äusseren Umständen determiniert, aber diese Frauen werden genau so dargestellt, als ob sie keine Ambitionen und keine Entscheidungsfähigkeit hätten.6










Laura María Agustín ist Soziologin, die sich v. a. mit Sexarbeit und Migration auseinandersetzt. 2007 erschien Sex at the Margins: Migration, Labour Markets and the Rescue Industry.



Kajsa Ekis Ekman (*1980) ist Journalistin und Autorin. Ihr Buch Ware Frau: Prostitution, Leihmutterschaft und der gespaltene Mensch erschien 2016 auf Deutsch.

You can’t separate prostitution from trafficking. You would have to decrease demand to such an extent that very few men were actually buying sex. Then you could perhaps be certain that women were there “voluntarily.”7

Diese Frauen sind nicht naiv. Sie wissen, auf welche Art Geschichten die Journalisten aus sind. Dasselbe gilt für Gespräche mit Polizisten oder Sozialarbeiterinnen. Man bekommt eher Hilfe, wenn man sich als Opfer präsentiert. Das heisst nicht, dass sie lügen. Es geht um verschiedene Arten zu interpretieren, was sie erlebt haben.6








Laura Agustín











Kajsa Ekis Ekman

She’s consenting to the money, not the actual sex. If you say to any prostitute:  “You have two options: either you can take the money and just leave or you can take the money and also stay for the sex,” how many do you think are going to stay for the sex? Not even a die-hard defender of prostitution will claim that most will to stay for the sex. Most of them are going to take the money and leave — which goes to show they don’t actually want the sex — they want the money.7

In der Prostitution wird zwischen Liebe und Sex getrennt, und viele können nicht glauben, dass das grundsätzlich geht. Dabei wird übersehen, dass diese Dienstleistung auch ein Gewinn für die Gesellschaft ist. Manche Prostituierte bieten etwa einen Sonderservice für behinderte Menschen an, die sonst ihr ganzes Leben ohne Sex verbringen müssten. Niemand muss diese Trennung von Liebe und Sex selbst praktizieren – aber man muss sie bei anderen Leuten wenigstens respektieren.8









Juanita Hennig ist Sozialarbeiterin und Sprecherin der Prostituierten-Selbsthilfeorganisation Dona Carmen e.V.



Vednita Carter ist Autorin und Direktorin der US-amerikanischen Organisation Breaking Free, die Prostituierten beim Ausstieg verhilft.

Prostitution is not work, it is sexual abuse at its worst. Imagine having sex with your boyfriend 15 times per day, maybe more on some days, every day. Nothing can turn this into a good sexual experience even if it is with someone you love.9

Frauen, die zum Sex genötigt werden, sind keine Prostituierten. Frauen, die zum Sex genötigt werden, werden vergewaltigt. Es ist eine Unverschämtheit, diese Frauen Prostituierte zu nennen.10




Salomé Balthus (*1980er) ist Edelprostituierte und Betreiberin einer Sexagentur.
















Taina Bien-Aimé ist Anwältin und Direktorin der internationalen NGO Coalition Against Trafficking in Women.

The race narrative in the US is very complicated. Black women represent seven per cent of the U.S. population, but in some jurisdictions, they represent over 50 per cent of the prostituted population. Among sex trafficked youth (children and teenagers under 18), 40 per cent are black girls. The sex buyers are overwhelmingly white men. If you talk to survivors like Tina Frundt, the Executive Director of Courtney’s House, sex buyers say to black and brown women and girls, “You are made for prostitution,” “Your feelings are different than white girls’ feelings,” “Your breasts and your hips are made for this.” Much of it relies on racist stereotypes of women of colour on top of the misogyny. We know that women of colour are sexualized way more than the white girls, and sex buyers perpetuate that dehumanization.9

Criminalization and stigmatization of sex workers ensured poor working conditions and sustained notions of prostitutes as disposable people. Thus, while advocating a decriminalization and destigmatization of sex work and an improvement of conditions for practicing sex workers, sex worker organizations in some Caribbean countries echoed in such parts of the world as India, South Africa, Costa Rica, Ecuador, Bangladesh, and Thailand also push for viable income-generating alternatives for women, as well as for more educational opportunities for young women that would allow them to secure a better future.11












Kamala Kempadoo ist Professorin für Sozialwissenschaften an der University of York, Kanada.










Laurie Penny ist Journalistin und Autorin. Zuletzt erschien 2016 Babys machen und andere Storys auf Deutsch.

Die Allgegenwart weiblicher Sexarbeit als Tatsache und als gesellschaftliches Narrativ betrifft auch Frauen, die keine Sexarbeiterinnen sind, weil im Spätkapitalismus jede weibliche Sexualität Arbeit ist. Die arbeitenden sexuellen Körper von Prostituierten werden von der Gesellschaft gehasst, gefürchtet und abgestraft, denn unsere Kultur toleriert die Verdinglichung weiblicher Sexualität als Arbeit, ist aber weiterhin schockiert über die Vorstellung, dass Frauen echte Kontrolle über die Erträge dieser Arbeit erlangen.12

Wir sollten uns eigentlich weigern, diese Debatte überhaupt zu führen. Weder Sexarbeit an sich noch das Leben einzelner SexarbeiterInnen sollte in irgendeiner Form zur Debatte stehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diejenigen, die diese Debatten vorantreiben, sich wirklich im klaren darüber sind, dass sie dabei Werturteile über die Menschen abgeben, die Sexarbeit ausüben. […] Die zentrale Frage ist dabei nicht, wie können wir das Leben von SexarbeiterInnen verbessern, sondern wie können wir weiterhin über SexarbeiterInnen sprechen und nachdenken und unseren Prostitutionsdiskurs aufrechterhalten ohne, dass wir SexarbeiterInnen selbst an diesem Diskurs beteiligen müssen. Vielleicht sollten sich diejenigen, denen diese Debatte so wichtig ist, lieber auf die Frage konzentrieren, wie man am besten öffentliche Debatten lostritt und die Menschen im Sexgeschäft in Ruhe lassen.13

















Melissa Grant (*1978) ist eine ehemalige Sexarbeiterin und Autorin.

Autorin

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  1. Alexander, Priscilla, u. Frédéric Delacoste, Sex Work. Writings by Women in the Sex Industry, London: Virago 1988; Phertson, Gail, A Vindication of the Rights of Whores, Seattle: Seal Print 1989 []
  2. Laura Solmaz-Litschel, „Das Prostituiertengesetz ist Stigma pur. Interview mit Joesfa Nereus“, Missy Magazine, 5. März 2019, https://missy-magazine.de/blog/2019/03/05/das-prostituiertenschutzgesetz-ist-stigma-pur/, Zugriff am 11. Juli 2020. []
  3. Woman’s Hour, Sheila Jeffreys on prostitution, BBC, 31. März 2014, https://www.bbc.co.uk/sounds/play/b03z91wy, Min. 23.31-23.42, Zugriff am 11. Juli 2020. []
  4. Virgines Despentes, „Mit dem Feind schlafen“, in: dies., King Kong Theorie, Berlin: Berlin Verlag 2007, S. 87f. []
  5. Alice Schwarzer, „Liebe Frauen Pro freiwillige Prostitution“, Emma, 14. August 2014, https://www.emma.de/artikel/liebe-befuerworterinnen-der-freiwilligen-prostitution-317539, Zugriff am 11. Juli 2020. []
  6. David Signer, „Diese Frauen sind nicht naiv. Interview mit Laura Agustín“, Neue Zürcher Zeitung, 26. Juli 2009, https://www.nzz.ch/diese_frauen_sind_nicht_naiv-1.3196618, Zugriff am 11. Juli 2020. [] []
  7. Meghan Murphy, “Being and Being Bought. An Interview with Kajsa Ekis Ekman”, Feminist Current, 20. Januar 2014, https://www.feministcurrent.com/2014/01/20/being-and-being-bought-an-interview-with-kajsa-ekis-ekman/, Zugriff am 11. Juli 2020. [] []
  8. Henning Hönicke, Prostitutionsverbot Pro und Kontra. Interview mit Juanita Hennig, Brigitte, 2. Dezember 2013, https://www.brigitte.de/aktuell/gesellschaft/gesellschaft–prostitutionsverbot–pro-und-kontra-10148938.html, Zugriff am 11. Juli 2020. []
  9. Raquel Rosario Sanchez, “Interview. Women of Colour Speak Out Against Prostitution”, Feminist Current, 26. April 2019, https://www.feministcurrent.com/2019/04/26/interview-women-of-colour-speak-out-against-prostitution/, Zugriff am 12. Juli 2020. [] []
  10. Salomé Balthus in Julia Korbik, Stand Up. Feminismus für Alle, Zürich: Kein & Aber 2019. []
  11. Kamala Kempadoo, “Women of Color and the Global Sex Trade. Transnational Feminist Perspectives, in: Meridians, Bd. 1, Nr. 2, 2001, S. 44. []
  12. Laurie Penny, Fleischmarkt, Hamburg: Nautilius 2012, S. 43f., H. i. O. []
  13. Melissa Grant, Hure spielen. Die Arbeit der Sexarbeit, Hamburg: Nautlius 2014. []

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