Salonthema,  Sexarbeit

Zahlencheck Sexarbeit

Um uns einen Überblick über das Thema Sexarbeit/Prostitution zu verschaffen, haben wir einige Zahlen herausgesucht. Wie viele Sexarbeiter*innen gibt es eigentlich in Deutschland? Wer sind die Inanspruchnehmenden? Wie hoch ist der Anteil an Gewalterfahrungen in der Branche?

Ein Hinweis vorneweg: Es existieren kaum wissenschaftlich zuverlässige Angaben zum Thema Sexarbeit. Die meisten Zahlen basieren auf Schätzungen, was die Bewertung dieser Angaben noch komplizierter macht.

© Romana Schillack, klit.COLOGNE
Zahlen zu Sexarbeiter*innen in Deutschland

Einer Schätzung zufolge gibt es täglich 1,2 Millionen Inanspruchnahmen von Sexarbeit in Deutschland.1 Pro Jahr werden Verdi zufolge 14,5 Millionen Euro in der Branche umgesetzt (vergleichbar mit dem Jahresumsatz der MAN AG). Das Statistische Bundesamt meldet, dass Ende 2018 insgesamt 32.800 Sexarbeiter*innen nach dem deutschen Prostituiertenschutzgesetz (siehe Artikel: Einführung Sexarbeit) angemeldet waren (eine der wenigen überprüfbaren Zahlen, aber: diese bildet vermutlich auch nicht die Realität ab – siehe dazu auch: BesD). Ein Fünftel der angemeldeten Sexarbeiter*innen besaßen die deutsche Staatsangehörigkeit, 72% stammten aus dem europäischen Ausland (35% Rumänien, 10% aus Bulgarien, 7% aus Ungarn), 6% aus Asien und 2% aus den USA. Je nach Quelle variiert die geschätzte Gesamtzahl der Sexarbeiter*innen zwischen 50.000 und 400.000. Der Deutsche Bundestag ging 2018 von 200.000 Sexarbeiter*innen aus2. Chantal Louis und Alice Schwarzer sprachen 2013 sogar von einem geschätzten Mittelwert von 700.000 Sexarbeiter*innen in Deutschland.3 Einer Umfrage zufolge sind 90% der Sexarbeiter*innen weiblich, 7% männlich und 3% transsexuell.4 Dem Statistischen Bundesamt zufolge waren im Jahr 2018 76% der gemeldeten Sexarbeiter*innen zwischen 21 und 44 Jahren, 6% zwischen 18 und 20 Jahren und 17% älter als 45 Jahre.5

© Romana Schillack, klit.COLOGNE
Sexarbeit, Gewalterfahrungen und psychische Gesundheit

Eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ, 2004) postuliert, dass jede zweite bis dritte Sexarbeiterin sexuelle Gewalt in ihrer Kindheit und/oder Jugend erlebt habe. 73% der befragten Sexarbeiterinnen gaben an, mindestens einmal in ihrem Leben durch Eltern oder Bezugspersonen „geschlagen oder körperlich gezüchtigt“ worden zu sein, mehr als die Hälfte sogar häufig oder gelegentlich (im Vergleich zu 20% des deutschen Bevölkerungsdurchschnitts).6 Im Erwachsenenleben war die Mehrheit der dort befragten Sexarbeiterinnen physischer, psychischer und sexueller Gewalt im Erwachsenenleben ausgesetzt: 92% der Frauen erlebten sexuelle Belästigung, 82% der Befragten nannten Formen von psychischer Gewalt. 87% gaben an, seit dem 16. Lebensjahr körperliche Gewalt erlebt zu haben und 59% berichteten, sexueller Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein. Damit ist die Prävalenz in Bezug auf physische und psychische Gewalt etwa zwei bis dreimal und bei sexueller Gewalt fast fünfmal so hoch wie im Durchschnitt der weiblichen Bevölkerung in Deutschland.7 Als Täter körperlicher und sexueller Gewalt wurden insbesondere Kunden („Freier“) genannt, dann erst aktuelle/frühere Beziehungspartner*innen. Im Vergleich zum deutschen Bevölkerungsdurchschnitt zeigte sich zudem, dass psychische Probleme und Störungen um ein Vielfaches häufiger von Sexarbeiterinnen benannt wurden: 49% der Befragten gaben an, in den letzten 12 Monaten Anzeichen von Depressionen gehabt zu haben (im Vergleich zu 21% der Nicht-Sexarbeiterinnen), 30% litten unter Panikattacken (im Vergleich zu 8%), 24% erlebten Suizidgedanken (im Vergleich zu 4%) und 13% hatten das Gefühl, sich selbst verletzen zu wollen (im Vergleich zu 1%).8 Polizeiexpert*innen gehen davon aus, dass 9 von 10 Sexarbeiter*innen zur Prostitution gezwungen werden – beispielsweise aufgrund finanzieller Nöte oder gewalttätiger Beziehungsstrukturen.9 Alice Schwarzer vermutet, dass 80 bis 90 % der Sexarbeiter*innen in Deutschland Opfer von Menschenhandel sind und 90% aussteigen wollen, es aber nicht können.9

© Romana Schillack, klit.COLOGNE
Inanspruchnehmende

Studien zufolge variieren die Zahlen dazu, wie viele Männer in Europa mindestens einmal in ihrem Leben Sexarbeit in Anspruch nehmen zwischen 7% in Großbritannien und 39% in Spanien.10 Diese Männer seien im Mittel 29 Jahre alt. 57% seien Single, 33 % verheiratet oder in einer vergleichbaren Beziehungsform und 9% getrennt oder geschieden. Die Mehrheit (56%) arbeiteten Vollzeit, 30% seien Studierende. Die Motive der Kunden seien einer weiteren Studie zufolge verschieden. Während einige Männer aus Einsamkeit, Schüchternheit oder Unbeholfenheit nach einer Art Langzeitbeziehung mit Sexarbeiter*innen suchten und Sex als intimen Akt betrachteten, reizte andere Männer die Möglichkeit, neue Sexpraktiken auszuprobieren. Weitere Beweggründe seien, sich Frauen aussuchen zu können, die ultimative Kontrolle auszuleben und Dominanz zu spüren. Die Macht über einen anderen Menschen zu genießen und diesem Sexarbeiter*innen den eigenen Willen aufzuzwingen, empfanden Kunden dieser Studie als erregend. Zudem nutzten Männer Sexarbeiter*innen, um ihre Frustrationen an ihnen auszulassen.10


Uns ist bewusst, dass allein durch das Herausgreifen einzelner Statistiken und Zahlen eine bestimmte Perspektive dargestellt werden kann, die nicht unbedingt deckungsgleich mit derjenigen der Ursprungsquelle ist. Wir bemühen uns darum, den entsprechenden Kontext abzubilden und unsere Originalquellen offen zu legen. Wichtig: Es handelt sich bei den hier zitierten Studien meist um Querschnittsdaten, d.h. daraus kann noch lange kein systematischer Zusammenhang (z.B. zwischen den Gewalterfahrungen in der Kindheit und Jugend und der späteren Berufswahl) abgeleitet werden. Darüberhinaus ist vor allem bei der Bewertung der geschätzten Zahlen (z.B. die der Anzahl an täglichen Inanspruchnahmen) äußerste Vorsicht geboten, da diese nicht unbedingt faktenbasiert sein muss (siehe dazu auch: ZEITonline Artikel zu Statistiken).


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Autorin

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  1. Büttner, Melanie & Schadwinkel, Alina (2018). Ist das normal – Blowjob auf Bestellung. [Audio-Podcast]. Verfügbar unter: https://open.spotify.com/episode/14leKnKhIy6e0yNa07JUJl []
  2. Deutscher Bundestag (2019). Evaluierung des Prostitutionsgesetzes, des Prostitutionsschutzgesetzes und des effektiven Schutzes Prostituierter. URL: http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/19/149/1914969.pdf []
  3. Louis, Chantal & Schwarzer, Alice (2013). Appell gegen Prostitution. URL: https://www.emma.de/sites/default/files/upload/pdf/appell_emma_6_2013.pdf []
  4. European Network for HIV/STI Prevention and Health Promotion among Migrant Sex Workers (2008). TAMPEP VIII. Annex 4. National Reports Germany. URL: https://tampep.eu/wp-content/uploads/2017/11/Sexworkmigrationhealth_final.pdf []
  5. Statistisches Bundesamt (2019). Pressemitteilung Nr. 451 vom 26. November 2019. URL:https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/11/PD19_451_228.html []
  6. BMFSFJ (2004). Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. S.79ff []
  7. BMFSFJ (2004). Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. S.26ff []
  8. BMFSFJ (2004). Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. S.64ff []
  9. Erb, Nadja (2013). Deutschland ist ein Zuhälterei-Eldoardo. Interview mit Alice Schwarzer. Frankfurter Rundschau. [] []
  10. Cauduro A. (2009) Review of the Research Studies on the Demand for Prostitution in the European Union and Beyond. In: Nicola A.D., Cauduro A., Lombardi M., Ruspini P. (eds) Prostitution and Human Trafficking. Springer, New York, NY [] []

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