Wütende Vulva

Wütende Vulva: Gendern

Ich bin mal wieder wütend! Gründe zur Wut gibt es zurzeit sehr viele. Und doch schleicht sich zwischen dem riesigen Berg von Problemen, Verzweiflung, Vereinsamung, Wirtschaftshoheit usw. immer wieder dieselbe Diskussion ein. 

Gerade zuletzt hat abermals ein bekannter Politiker mit einem selten dämlichen Tweet gegen gendergerechte Sprache gehetzt. Nachdem Friedrich Merz absurde „Beispiele“, wie gegendert werde, aufzählt (ja, es sind so großartige Begriffe wie „Grüninnen“ oder „Hähnch*innen-Filet“1), fragt er allen Ernstes: „Wer gibt diesen #Gender-Leuten eigentlich das Recht, einseitig unsere Sprache zu verändern?“2 

Wow. Da muss mensch erstmal durchatmen. Einerseits frage ich mich seit der Veröffentlichung dieses Tweets konstant ob er wirklich glaubt, dass Vertreter:innen gendergerechter Sprache Wörter angleichen wollen, die entweder bereits genderneutral sind oder schon sehr konkret beschreiben, was gemeint ist. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass er mit solchen Ausdrücken exakt das bewirken wollte, was er bei mir geschafft hat: Wut und Entsetzen zu triggern.

Nun gut, sehen wir mal von dieser Provokation ab, auch wenn es schwerfällt. Viel fassungsloser macht mich jedoch die Frage, wer Befürworter:innen des Genderns das Recht gebe, die Sprache einseitig zu verändern. Moment mal, Friedrich! Diese Aussage ist so dreist, ich hätte sie dir fast nicht zugetraut.

Spaß beiseite, fangen wir mit dem Offensichtlichsten an: Sprache verändert sich immer! (Und ich werde nicht müde es immer wieder zu erzählen.) Jedes Jahr gibt es eine Neuauflage des Dudens, in der neue Wörter aufgenommen werden und veraltete Worte entfernt werden3, denn so funktioniert Sprache. Diese sogenannten „Gender-Leute“ sind also nicht die Einzigen, die Sprache verändern, das passiert ganz ohne unser Zutun. Merz beschwert sich darüber hinaus allerdings auch noch über die „einseitige“ Veränderung. Friedrich, findest du nicht, dass unsere Sprache schon einseitig genug ist? Immerhin empfinde ich, und mit mir viele andere, das generische Maskulinum als extrem einseitig. Das ist schließlich der Grund, warum wir unsere Sprache gendergerecht(er) gestalten. Um sie weniger einseitig zu machen. Jetzt verstanden, Friedrich?

Leider ist der CDU-Politiker nicht der Einzige, der ein Problem mit gendergerechter Sprache hat. Immer wieder muss mensch sich anhören, das Gendern sei zu kompliziert, Frauen seien doch „mitgemeint“, usw. Den Unsinn muss ich nicht reproduzieren. Ich muss vermutlich auch nicht noch einmal erwähnen, dass sich sehr viele Frauen und nicht binäre Menschen NICHT mitgemeint fühlen. Und zwar ganz einfach aus dem Grund, dass sie nicht mitgedacht und nicht mitgesprochen werden.

Würden wir den Spieß umdrehen (und Bundesjustizministerin Christine Lambrecht hat ebendies in einem Gesetzesentwurf für ein Insolvenzrecht letztes Jahr gemacht, den sie im generischen Femininum hielt4) so würden sich ebenso viele Menschen, nun eben Männer, nicht mitgemeint fühlen. Aha. So wurde der Gesetzesentwurf von Lambrecht mit der Begründung abgelehnt, die Verwendung des generischen Femininums sei sprachwissenschaftlich nicht anerkannt und es bestehe die Gefahr, dass das Gesetz nur für Frauen gelte.2 Ich lasse das mal so stehen.

Auch der Vorwurf, dass das Gendern mit Hilfe des Sternchens, des Doppelpunktes oder des Unterstrichs „zu kompliziert“ sei nervt mich enorm. Ich habe es schon oft erlebt, dass Menschen aus meinem Bekanntenkreis so etwas sagen wie: „Ich verstehe ja das Problem, aber das kann doch nicht die Lösung sein.“ Bitte? Zunächst, wenn du das Problem wirklich, wahrhaftig verstehst, dann würdest du diesen Satz so nicht formulieren. Denn wenn du das Problem verstündest und dir etwas daran liegen würde, dieses Problem aus der Welt zu schaffen, würdest du entweder von deinem hohen Ross absteigen und an deiner Sprache arbeiten, oder du würdest ganz konkret alternative Ideen ausarbeiten.

Verfechter:innen der gendergerechten Sprache haben wahrlich genug Vorschläge unterbreitet, wie wir Sprache gerechter gestalten können. Irgendwann haben sie aufgehört nur davon zu erzählen und angefangen einen Vorschlag, der sie überzeugte, umzusetzen. Und dann haben viele andere mitgemacht. Für die scheint es ja auch gar nicht so kompliziert zu sein; klar, mensch muss sich umgewöhnen, aber das ist machbar. 

Jetzt, und es tut mir auch etwas leid, muss ich mal ein Wort an alle Frauen richten, die ganz bewusst nicht gendern und sich damit gegen gendergerechte Sprache aussprechen: Ihr nervt mich am allermeisten. Ja, richtig gelesen. Wir Frauen sollten uns doch eigentlich unterstützen. Wer wenn nicht wir sollten daran arbeiten uns sichtbar zu machen. Wenn nicht für andere, dann doch wenigstens für uns selbst. Und damit meine ich nicht Frauen, die sich aus verschiedenen Gründen nicht mit der Thematik beschäftigen (können), sondern diejenigen, die sich trotz der Beschäftigung damit und dem Wissen darum bewusst dagegen entscheiden. Ich kann nicht verstehen, wie frau wirklich der Meinung sein kann, dass das generische Maskulinum sie mitmeine.

Es gibt eine Studie von Psycholog:innen der Freien Universität Berlin, die den Einfluss von gendergerechter Sprache auf die Berufswahl von Kindern untersucht und zu welchem Ergebnis kommen sie? Richtig, Sprache beeinflusst unser Denken! Mensch, da wäre ja niemand draufgekommen. „Wenn Berufe in einer geschlechtergerechten Sprache dargestellt werden (Nennung der männlichen und weiblichen Form, zum Beispiel „Ingenieurinnen und Ingenieure“ statt nur „Ingenieure”) schätzen Kinder typisch männliche Berufe als erreichbarer ein und trauen sich selbst eher zu, diese zu ergreifen.“5

Ich kann also wirklich, wirklich nicht verstehen, warum sich einige Menschen so vehement dagegen sträuben. Und ich wünsche mir, dass jede und jeder die Beachtung und den Respekt entgegen bekommt, den er oder sie verdient hat. Denn wir haben alle das Recht repräsentiert und gedacht zu werden in dieser Gesellschaft. Und dabei geht es nicht darum, dass wir von heute auf morgen perfekt genderneutral sprechen, sondern auch darum, dass wir es versuchen. Dass wir zuhören. Und dass wir an uns arbeiten. Und ein Weg, der uns helfen kann ans Ziel zu kommen ist nun mal unsere Sprache. Ja, unsere, Friedrich. Es ist auch meine. Und ich sage: Lasst uns gendern!


Zur Sprache auf diesem Blog: Immer, wenn wir Genderbezeichnungen nutzen, beziehen wir uns gleichermaßen auf trans wie cis Menschen. Uns ist bewusst, dass die von uns verwendeten Begriffe soziale Konstrukte sind und es mehr als zwei Geschlechter gibt. Um gendersensible Sprache zu verwenden, nutzen wir den Doppelpunkt. Falls wir über eine Person schreiben, die sich eine andere Selbstbezeichnung wünscht, verwenden wir diese.

Autorin

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  1. Friedrich Merz: Twitter, https://twitter.com/_FriedrichMerz/status/1383343760260567043, letzter Zugriff: 29.04.2021 []
  2. Ebd. [] []
  3. Pressemitteilung Der Duden 2020: https://cdn.duden.de/public_files/2020-08/Pressemappe_D1_28_Aufl_innen_A4_RZ_1.pdf, letzter Zugriff: 29.04.2021 []
  4. tagesschau: „Lambrechts Gesetz nun doch in ‚männlich‘“, https://www.tagesschau.de/inland/insolvenzrecht-generisches-maskulinum-101.html, letzter Zugriff: 29.04.2021 []
  5. Deutsche Gesellschaft für Psychologie: Mitteilungsdetail. Automechanikerinnen und Automechaniker. Geschlechtergerechte Sprache beeinflusst kindliche Wahrnehmung von Berufen, https://www.dgps.de/index.php?id=143&tx_ttnews[tt_news]=1610&cHash=1308c97486a0f55bc30d6a7cf12bf49f, letzter Zugriff: 29.04.2021 []

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