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Altersvorsorge intersektional?

Nachdem drei mitklits von ihrer Altersvorsorge erzählt haben und die unterschiedlichen Erfahrungen dreier Generationen einer Familie diskutiert wurden, widmet sich dieser Beitrag zum Thema Altersvorsorge aus einem intersektionalen Blickwinkel. Denn Alter wird, laut Friederike Enßle und Ilse Helbrecht von der Humboldt-Universität Berlin, bei einer Betrachtung der Ungleichheiten oft vergessen.1 Unseren ursprünglichen Plan eines Interviews konnten wir leider nicht umsetzen, aber da wir auf die mehrfache Benachteiligung von Frauen mit Migrationshintergrund aufmerksam machen wollen, anbei ein kurzer Überblick anhand einiger Studien.

Was bedeutet Altersvorsorge intersektional?

Mit dieser Frage wollen wir nach Faktoren suchen, die über das Gender hinaus Altersvorsorge begünstigen oder verschlechtern. So geht beispielsweise mit sozialer Herkunft auch Zugang zu finanzieller Bildung einher. Daher kann bei einem höheren Bildungsstand tendenziell von mehr Wissen über Finanzen als auch von Zugang zu gut bezahlten Jobs ausgegangen werden kann. Dadurch ist Altersvorsorge für z. B. Akademikerinnen mit hohem Einkommen ein anderes Thema als für eine Angestellte im Niedriglohnbereich oder wiederum eine in Teilzeit arbeitende Mutter. Bei unserer Recherche ist uns noch ein weiterer Faktor aufgefallen, der für Altersarmut bei Frauen in Deutschland eine Rolle spielt: Migration.

Altersvorsorge für Migratin:innen

Die wenigen Studien zum Thema Altersvorsorge und Migration ziehen dasselbe Fazit, dass kaum überrascht: Menschen mit Migrationshintergrund2 sind in Deutschland stärker von Altersarmut betroffen. Der Report Altersdaten des Deutschen Zentrums für Altersfragen bezeichnet 28% der Migrant:innen ab 40 Jahren als armutsgefährdet, bei Menschen ohne Migrationshintergrund lediglich 10%.3 Eine Studie von Jan Heisig, Bram Lancee und Jonas Radl zeigt, dass dies in fast allen europäischen Ländern der Fall ist.4

Und so bleibt das Alter in seiner Diversität im Vergleich zu Geschlecht,
Ethnizität, sozialer Klasse oder Sexualität ein wenig beachtetes Feld der sozialwissenschaftlichen Forschung zu Ungleichheit.

Enßle u. Helbrecht, S. 227

Migratinnen sind noch stärker von Altersarmut bedroht als Migranten, d. h. sie sind beim Thema Altersvorsorge mehrfach benachteiligt. Migrantinnen sind häufiger geringfügig beschäftigt und/oder im Niedriglohnsektor tätig und häufiger verwitwet.5 Rund 20% der Frauen sind im Alter auf Grundsicherung angewiesen – bei Frauen ohne Migrationshintegrund liegt der Prozentsatz bei 3,3%.6 Das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) erklärt sich die schlechteren Gesundheitszustände von Migrant:innen, die im Durchschnitt mit 62 Jahren pflegebedürftig werden, an eben diesen schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen.7 Kurz zusammengefasst: Zugang zu (finanzieller) Bildung, gut bezahlten Jobs und Altersvorsorge bedingen sich gegenseitig.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zum Anstieg der Altersarmut in Deutschland kommt zu dem Ergebnis, dass sich diese Benachteiligung mit den derzeitigen Rentenreformen kaum verändere und  auch die Einführung einer Grundrente nur wenig verbessern würde.8 Dem entgegen wirke vor allem das familiäre Unterstützungsnetzwerk, das beispielsweise im Falle der Türkeistämmigen Migrant:innen häufig nationale Grenzen überschreite.9

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales bezieht Migration nicht in ihre Rentenbestandsstatistik ein, was sowohl auf fehlendes Problembewusstsein als auch einen Mangel an Lösungen hindeutet. Mögliche Informationsstellen sind die Migrationsberatung Köln und das Kompetenzzentrum Bildung und Arbeit für Migrant:innen in Köln (KoBAM).

Autorin

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  1. Enßle, Friederike u. Ilse Helbrecht, Ungleichheit, Intersektionalität und Alter(n) – für eine räumliche Methodologie in der Ungleichheitsforschung, in: Geographica Helvetica, Nr. 73, 2018, S. 227-239. []
  2. Wir schließen uns hier der Definition der Studien an, die unter Migrant:innen Menschen verstehen, die selbst und/oder deren Eltern nicht in Deutschland geboren sind. []
  3. Nowossadeck, Sonja u. a., Migratinnen und Migranten in der zweiten Lebenshälfte, report Altersdaten, hg. v. Deutsche Zentrum für Altersfragen, Nr. 2, 2017, S. 24. []
  4. Heisig, Jan P.  u. Bram Lancee, Jonas Radl, Ethnic Inequality in Retirement Income. A Comparative Analysis of Immigrant-Native Gaps in Western Europe, Zusammenfassung der Ergebnisse von Heisig, Jan P., Das deutsche Rentensystem ist nicht einwandererfreundlich, 26. April 2016, Website Migazin,  https://www.migazin.de/2016/04/26/wenn-ungleichheit-alterseinkommen-einwanderern-einheimischen/, Zugriff am 27. Oktober 2020. []
  5. Nowossadeck 2017, S. 15 u. 22. []
  6. ebd., S. 25 []
  7. Schulz, Anika, Älteren Migranten droht besonders Armut, 29. Januar 2018, Website Deutsches Institut für Altersvorsorge, https://www.dia-vorsorge.de/demographie/aelteren-migranten-droht-besonders-armut/, Zugriff am 27. Oktober 2020. []
  8. Geyer, Johannes u. a., Anstieg der Altersarmut in Deutschland: Wie wirken verschiedene Rentenreformen?, hg. v. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2019. []
  9. Rentenlücke trifft Türkeistämmige härter, 24. November 2010, Website Migazin, https://www.migazin.de/2010/11/24/rentenlucke-trifft-turkeistammige-harter/, Zugriff am 27. Oktober 2020; Dissertationsprojekt von Ina Conen, FH Düsseldorf, Promotionskolleg TransSoz, Leben im transformierten Sozialstaat, https://transsoz.web.th-koeln.de/?page_id=19, Zugriff am 27. Oktober 2020. []

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