Gendermedizin,  Salonthema

Einführung in die Gendermedizin

Wir befinden uns weiterhin inmitten der Corona-Pandemie. Inzwischen wissen wir: Männer* versterben häufiger als Frauen*1 Dafür scheinen Frauen* einem höheren Risiko für Langzeitfolgen ausgesetzt zu sein.2 Auch wenn die Forschung an Covid-19 weiterhin auf Hochtouren läuft, so zeigt sich jetzt schon: es gibt geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Erkrankung und Genesung von Covid-19 – und nicht nur hier, in vielen Bereichen der Medizin lassen sich Unterschiede in der Prävention, Erkrankung und Therapie von Männern* und Frauen* ausmachen. Eine gute Gelegenheit also, die Gendermedizin zum Salonthema zu machen!

Was verbirgt sich genau hinter dem Begriff der Gendermedizin?

Wenn wir vom Englischen ausgehen, bezieht sich Gender auf das soziale Geschlecht einer Person. Die Gendermedizin – in Deutschland bislang noch ein sehr junger Teil der Humanmedizin – befasst sich allerdings sowohl auf soziokultureller wie auch biologischer Ebene mit den Unterschieden zwischen Männern* und Frauen* in Bezug auf Krankheitsentstehung, -manifestation und -behandlung. Gern wird auch der Begriff der geschlechtsspezifischen oder geschlechtersensiblen Medizin verwendet.

Gendermedizin ist also keine Frauen*medizin, allerdings gibt es in Bezug auf das weibliche Geschlecht den größere Gender Data Gap. Bis heute gilt für viele Erkrankungen der Mann* als Standard – sowohl in Bezug auf Symptome als auch in Bezug auf die Therapie. Ein klassisches Beispiel ist der Herzinfarkt: Symptome, die bei einer Frau* durchaus auf einen Herzinfarkt hinweisen können, werden in der Fachliteratur häufig als „andersartig“ und „atypisch“ beschrieben. Dabei haben auch Frauen* ein hohes Risiko, an einem Herzinfarkt zu versterben.3 Nicht nur, weil Herzinfarkte bei Frauen* durch Ärzt*innen häufiger nicht erkannt werden, auch weil Frauen* später ärztlichen Rat suchen.

Auch in der Therapie vieler Erkrankungen hat der Gender Data Gap Einfluss auf die Qualität der Behandlung: Viele Medikamente wurden nach dem Contergan-Skandal nur an jungen Männern* getestet – nachdem bereits Tierversuche mit jungen männlichen Mäusen vorausgegangen sind.4 Der weibliche Stoffwechsel ist aber aus vielerlei Gründen anders als der des Mannes*. Wir haben einen anderen Körperfettanteil, unsere Darmpassage dauert länger, es gibt Unterschiede in der Verstoffwechselung von Medikamenten in der Leber und Niere.5 Kein Wunder also, dass Frauen* häufiger Arzneimittelnebenwirkungen aufweisen als Männer*.

Themenzyklus Gendermedizin

Während unseres digitalen Salons haben wir nicht alle Fragen zur Gendermedizin klären können – unter anderem aber auch, da es in diesem Bereich noch so viele offene Fragen gibt: Was ist mit alten Menschen? Mit People of colour? Mit Trans*- und Intersex*-Menschen? Bis die Medizin individualisiert auf alle Menschen eingehen kann, wird es wohl noch eine ganze Weile dauern – dass der Gendermedizin zunehmend ein Raum in der Öffentlichkeit sowie in medizinischen Fachkreisen geboten wird, halte ich für eine erfreuliche Entwicklung!

Nutzen wir diesen Themenzyklus also, um uns zu informieren, Awareness für unsere eigene Gesundheit und unsere Risiken zu entwickeln, wütend zu werden; uns aber auch daran zu erfreuen, dass die geschlechtersensible Medizin (zwar) langsam, aber stetig Einzug in unsere medizinische Versorgung erhält!

Anmerkung: Wir verwenden in diesem Beitrag und im Laufe des Themenzyklus auch nicht gegenderte Sprache wie „weiblicher Körper“ oder „Frauen“, wenn sich die zitierten Studien o. ä. auf cis-Körper beziehen. Wir begrüßen geschlechtersensible Medizin, die über die Aufarbeitung des Gender Data Gap hinaus das binäre System von Frauen- und Männerkörpern überwinden will.

Autorin

Teile diesen Beitrag:
  1. Peckham, H., de Gruijter, N.M., Raine, C. et al. Male sex identified by global COVID-19 meta-analysis as a risk factor for death and ITU admission. Nat Commun 11, 6317 (2020). https://doi.org/10.1038/s41467-020-19741-6; Gebhard, C., Regitz-Zagrosek, V., Neuhauser, H.K. et al. Impact of sex and gender on COVID-19 outcomes in Europe. Biol Sex Differ 11, 29 (2020). https://doi.org/10.1186/s13293-020-00304-9, Zugriff am 7. Februar 2021. []
  2. Sudre CH, Murray B, Varsavsky T, Graham MS, Penfold RS, Bowyer RC, et al. Attributes and predictors of Long-COVID: analysis of COVID cases and their symptoms collected by the Covid Symptoms Study App. medRxiv. 2020:2020.10.19.20214494. []
  3. Robert Koch-Institut (Hrsg) (2020) Gesundheitliche Lage der Frauen in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Gemeinsam getragen von RKI und Destatis. RKI, Berlin, ISBN: 978-3-89606-303-8, DOI: 10.25646/6585. []
  4. Contergan-Skandal: Von 1957 bis 1961 wurde das Schlaf- und Beruhigungsmittel Thalidomid (Handelsname: Contergan) millionenfach verkauft. Es half besonders gut gegen die Schwangerschaftsübelkeit. Nachdem man eine Häufung von Fehlgeburten und schweren Fehlbildungen von Gliedmaßen und Organen bei Neugeborenen im Zusammenhang mit Contergan feststellte, wurde es 1961 vom Markt genommen. []
  5. R. Sadik, H. Abrahamsson & P.-O. Stotzer (2003) Gender Differences in Gut Transit Shown with a Newly Developed Radiological Procedure, Scandinavian Journal of Gastroenterology, 38:1, 36-42, DOI: 10.1080/00365520310000410, Zugriff am 7. Februar 2021. []

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.