Orgasmus,  Salonthema,  Wütende Vulva

WÜTENDE VULVA: DER ORGASMUS

Disclaimer: Die Originalversion dieses Textes war mit „Der weibliche Orgasmus“ betitelt. Nachdem wie internes und externes Feedback dazu erhielten, haben wir den Titel am 20. Januar 2021 verändert. Wir wollen damit in der Überschrift Menschen einschließen, die (k)eine Vulva haben und sich (nicht) als Frau identifizieren. Gleichzeitig weigern wir uns, zu akzeptieren, dass bei „Orgasmus“ immer der cis-männliche gemeint ist, und andere Orgasmen einen Zusatz brauchen. Wir weisen dennoch darauf hin, dass die Mehrzahl unserer Texte von heterosexuellen cis-Frauen geschrieben wird, die ihre eigene Sexualität reflektieren. Dementsprechend werden die Orgasmen von inter- und transsexuellen sowie nicht-binären Menschen wenig(er) abgebildet. Wir bemühen uns, Perspektiven, die in unserer Gruppe nicht direkt repräsentiert sind, über Verlinkungen und Medientipps sichtbar(er) zu machen. Über Hinweise und Tipps freuen wir uns!

Der weibliche Orgasmus ist überlebenswichtig

Mit der thematischen Auseinandersetzung mit dem Orgasmus kommt man unweigerlich zu der heteronormativen Frage: „Ist der weibliche Orgasmus überflüssig?“

Diese sehr polemisch formulierte Frage löst bei mir Übelkeit, Wut und Verwunderung aus – auch wenn ich weiß, wie sie gemeint ist. Gemeint ist nämlich eigentlich die Frage, welche biologische Funktion der weibliche Orgasmus einnimmt bzw. ob er bei der Fortpflanzung überhaupt eine Rolle spielt. Denn wir Frauen* wissen, dass er nicht „überflüssig” ist.

Was für mich bei dieser Frage jedoch mitschwingt, ist der (hoffentlich nur) humoristisch gemeinte Wink, dass es beim Sex ja dann nicht so wichtig sei, dass die Frau* kommt. Haha, Brüller.

Wir sind also mal wieder beim Framing angelangt. Bei meiner Recherche dazu, welche biologische Funktionen der weibliche Orgasmus erfüllt, habe ich vor allem Überschriften gelesen wie „Orgasmus von Frauen – muss das sein?“ oder „Das Rätsel des weiblichen Orgasmus“ und natürlich unzählige Male den oben genannten Klassiker: „Ist der weibliche Orgasmus überflüssig?“

Es versteht sich hoffentlich von selbst, dass der Mensch (und ja, somit auch die Frau) kein rein biologisches Wesen ist. Wir sind genau so kulturell und sozial eingebunden, sodass, selbst wenn es unserem Kenntnisstand nach keine biologische Funktion des weiblichen Orgasmus zur Reproduktion gibt, es in keinem Fall bedeutet, dass er überflüssig ist.

Unserem Kenntnisstand. Mein nächster Punkt. Nur weil wir Menschen aktuell keine biologische Funktion des weiblichen Orgasmus ausfindig machen können, heißt das noch lange nicht, dass es keine gibt. Es heißt zunächst einmal, dass wir unvollkommenen, beschränkten Wesen es UNS SELBST nicht erklären können. Ich kann mir auch nicht erklären, warum ich manche Menschen liebe und manche nicht und trotzdem schreibe ich keine Artikel mit dem Titel: „Ist die Liebe überflüssig?“ Natürlich rein biologisch.

Was mich jedoch am meisten aufregt, ist die Tatsache, dass es nicht einen oder zwei solcher Artikel gibt, nein, es gibt sie in verschiedenen Sprachen, von verschiedenen Autor:innen, ja selbst die EMMA titelt so. Ist denn sogar ein sich selbst als feministisch bezeichnendes Blatt so unbedacht anzuerkennen, dass Sprache unser Denken formt? Ist das nicht (mal wieder) genau dasselbe, was wir postulieren, wenn es ums Gendern geht? 

SPRACHE FORMT UNSER DENKEN!
Und anders herum.
DENKEN FORMT UNSERE SPRACHE!

Schlimmstenfalls haben all diese Personen, die diese bescheuerten Überschriften formuliert haben also gedacht: Der weibliche Orgasmus ist überflüssig. Und dann lesen Menschen diese Artikel und denken sich: Der weibliche Orgasmus ist überflüssig. Und ich denke mir: Höchstens biologisch. Aber auch das nicht sicher.

Und jetzt muss auch niemand mit „Clickbaiting“ ankommen, die Texte müssten ja auch gelesen werden, es würde ja im Artikel aufgelöst, was gemeint sei – ja, prinzipiell richtig. Zumeist wird es jedoch nicht vollständig gelesen und selbst wenn mensch Clickbaiting betreiben will, kann das anders aussehen. Respektvoll und bedacht zum Beispiel. Wenn unser öffentlicher Diskurs über den weiblichen Orgasmus nämlich so aussieht, kommen wir erst gar nicht bei den wichtigen Details an: Viele Frauen täuschen Orgasmen vor, trauen sich nicht mit dem:der Partner:in zu besprechen, was einen erregt und niemand weiß was mit G-, U- und A-Punkten gemeint ist. 

Ob man’s glaubt oder nicht, meine Biologie ist nicht allein, was mich bestimmt. Ich will nicht mehr lesen, dass andere über eine Sache, die mich empowert, die Endorphine in mir frei setzt, um dessen Berechtigung und Berücksichtigung ich mein Leben lang kämpfe, schreiben, es sei überflüssig. Ich muss schon immer ein „weiblich“ davor setzen, damit jede:r weiß, es geht ausnahmsweise nicht um den Penis und den Mann (Und jetzt noch mal alle zusammen: Sprache formt Denken).

Viva la vulva! Und viva weiblicher Orgasmus. Für mich bist du überlebenswichtig.

Autorin

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