Salonthema,  Selbstfürsorge,  Wütende Vulva

Wütende Vulva: Selbstfürsorge

Ich bin wütend. Auf die Selbstfürsorge-Ratschläge, die jedefrau überall zu lesen hat:
Nimm ein Bad – Das geht schlecht ohne Badewanne und reicht als Grund nicht aus, um mich auf den Kölner Wohnungsmarkt zu begeben.
Lache mehrmals täglich – Vielleicht 2021 wieder, abgesehen davon, dass man dies niemals Frauen* sagen sollte.
Engagier dich für etwas, das dir wichtig ist – klar, noch mehr unbezahlte Arbeit.
Einmal richtig durchatmen – was ist bitte falsch durchatmen?
Und wenn ich alle diese Dinge nicht normal in meinen Alltag integriert bekomme, wenn und wann ich Lust darauf habe, dann liegt dies nicht daran, dass ich mir keine Zeit für mich nehme, sondern dass unsere Gesellschaft mir keine zugesteht. Warum wird Selbstfürsorge – auch von uns – immer auf einer individuellen, und nicht einer kollektiven, Ebene diskutiert? Warum reden wir mehr über die Bewältigungsstrategien als über die Ursachen? Das macht mich fuchsteufelswild!

Ich bin wütend.

Aber gut, bleiben wir kurz bei der individuellen Ebene. Seitdem wir uns mit dem Thema Selbstfürsorge beschäftigen, ist mir klar geworden, was mich schon immer an diesem Konzept gestört hat: Dass man mir sagt, ich müsse mich entspannen. Denn nur entspannte Frauen*, die der alltäglichen Überforderung von Sorgearbeit, Lohnarbeit, politischer Arbeit und Privatleben mit einem Lächeln im Gesicht begegnen, sind gute Frauen*. Ich dann leider nicht. Ich bin angespannt und gestresst und verzweifelt, weil einiges auf dieser Welt meiner Meinung nach falsch läuft. Und dass die Antwort auf diese Gefühle ist, ein Bad zu nehmen oder es mir mit einem Wein und Buch bequem zu machen, finde ich feige. Erstens bedeutet dies, aus der Realität zu fliehen, die mir diese Gefühle bereitet. Zweitens finde ich es unverantwortlich, als Gesellschaft Menschen derart an ihre Grenzen kommen zu lassen, dass ein Rückzug überlebenswichtig wird. Drittens sehe ich darin eine Strategie, um wütende, revolutionäre Frauen* zum Schweigen zu bringen. Und darauf habe ich keine Lust.

Welche #fuckingfairänderung braucht es?

Die Kanadierin Emily Dutton schlägt in Bezug auf den Umgang mit einem Trauma nach einem sexuellem Missbrauch das Konzept der queering self-care vor: Das dualistische Denken von „entspannt“ versus „wütend“ wird überschritten und dadurch Kategorien wie gesund/ungesund oder normal/unnormal hinterfragt.1 Zu Selbstfürsorge gehören demnach nicht nur positiv konnotierte Gefühle von Ausgeglichenheit, Glück, Entspannung oder Geborgenheit, sondern auch negativ konnotierte Gefühle wie Wut, Angst oder Trauer. Auch psychotherapeutisch betrachtet sind Gefühle erstmal „Anzeiger“ für darunterliegende Bedürfnisse, sodass jedes Gefühl mir wichtige Informationen darüber gibt, was ich will und was eben nicht. Denn das Spektrum menschlicher Emotionen ist groß und in manchen Situationen kann es heilsamer sein, seine Wut mit jemenschen zu teilen oder zu weinen, als ein Bad zu nehmen. Dies bedeutet gleichsam, sich mit der Realität auseinanderzusetzen anstatt aus ihr zu flüchten und gegebenenfalls Fairänderungen herbeizuführen.

Zwei Lösungsvorschläge

Einfache Lösung: In jede Grafik, jeden Adventskalender, Blog, Instagramkanal, in jede Werbung usw. usf. integrieren, dass auch negativ konnotierte Emotionen auszuleben, Selbstfürsorge sein kann. Das Wort Hysterie (altgr. Gebärmutter) aus dem Wortschatz streichen.

Komplexe Lösung: Auch Frauen* den Raum und die Zeit zugestehen, Selbstfürsorge in allen Emotionen natürlich in ihren Lebensalltag zu integrieren. Dafür müsste eine faire Verteilung von Arbeits- und Sorgezeiten stattfinden und emotionale Bewertungen (und Dualismen) überdacht werden. Z. B. mit der Vier-in-Einem-Perspektive von Frigga Haug: Pro Person je vier Stunden Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Gemeinwesenarbeit und Entwicklungschancen2

Autorin

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  1. Dutton, Emily, “Queering self-care: Reimagining the radical possibilities of self-care in healing from sexual assault”, in: Spaces Between: An Undergraduate Feminist Journal, Nr. 2, https://journals.library.ualberta.ca/spacesbetween/index.php/spacesbetween/article/view/23267, Zugriff am 18. Oktober 2020. []
  2. Frigga Haug, Die Vier-in-Einem-Perspektive – Eine Utopie von Frauen, die eine Utopie für alle ist, 28. August 2011, Website Postwachstum, https://www.postwachstum.de/die-vier-in-einem-perspektive-eine-utopie-von-frauen-die-eine-utopie-fur-alle-ist-20110828 Zugriff am 20. Dezember 2020. []

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