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Wüstenblume

Waris Diries und Cathleen Millers Roman Wüstenblume wurde 1998 erstmals im William Morrow Verlag gedruckt und 2009 verfilmt. Es ist Diries Lebensgeschichte und basiert vollständig auf persönlichen Erinnerungen an Begegnungen, Menschen und Orte. Sie erzählt von ihrer Kindheit in Somalia und der Kultur, in die sie hineingeboren wurde. Seit 1997 kämpft sie gegen FGM (Female Genitale Mutilation), eine Form von weiblicher Genitalverstümmelung, die sie selbst im Alter von 5 Jahren erfahren musste. Thema des Buches ist die Flucht aus Somalia, vor allem aber der Weg zu ihrer Identität als Frau und ihrer Weiblichkeit.

Eine Frau die nicht beschnitten wurde gilt als schmutzig und mannstoll und kann daher nicht verheiratet werden. (…) Deshalb betrachten es die Mütter als ihre Pflicht, ihren Töchtern möglichst gute Startchancen zu verschaffen, ähnlich wie Mütter in den Industrienationen es für nötig erachten, dass ihre Töchter eine gute Schule besuchen.

S. 339

Wer den Namen des Topmodels Waris Dirie kennt, wird auch ihre märchenhafte Erfolgsstory schon in der ein oder anderen Form gehört haben: Ein Mädchen aus totaler Armut wird zufällig entdeckt und läuft fortan auf den Laufstegen der Welt. Die „Von der Nomadin zum Model“-Schiene macht sich gut als ermutigende Überschrift – ganz im Gegensatz zu der Geschichte, die Waris Dirie viel lieber erzählen möchte. In ihrem Buch und dem gleichnamigen Film lässt sie nicht zu, dass die Zuschauer die Perspektive auf das Wesentliche verlieren und sich stattdessen von ihrem Erfolg begeistern lassen. Durch die Geschichte mahnt Waris Dirie, nicht die Privilegien der westlichen Welt – wie zum Beispiel das die meisten Mädchen unbeschadet und selbstbestimmt aufwachsen dürfen – automatisch für andere Kulturkreise anzunehmen. Ihre Geschichte ist eine Erinnerung daran, dass Frauen in großen Teilen der Welt immer noch als Besitztum angesehen werden und längst nicht genug getan ist, um diesen Frauen ein würdiges Leben zu ermöglichen.

Waris Diries Lebensweg

Die Erzählung des Films setzt in Somalia ein. Die Zuschauenden erleben die kleine Waris noch vor ihrem 13ten Geburtstag. Die Szenen erzählen von den harten Lebensumständen der Nomaden; davon, wie es ist, in extremer Hitze und Trockenheit aufzuwachsen, Familien zu gründen und währenddessen immer in Bewegung zu sein, jederzeit bereit, auf das Signal des Vaters hin mit allen Ziegen und Kamelen weiterzuziehen.

Als Waris im Alter von 13 Jahren mit einem älteren Mann verheiratet werden soll, läuft sie nachts vor ihrer Familie und insbesondere ihrem Vater davon, der sie bereits zu einem Preis von 5 Kamelen versprochen hatte. Sie flieht, ohne zu wissen in welche Richtung. Die Gefahren, denen sie ausgesetzt ist, sind nicht nur die Hitze und Tiere der Wüste, sondern auch sexuelle Übergriffe von Männern, die sie auf Lastwägen mitnehmen oder ihr im Tausch für sexuelle Gefälligkeiten Mahlzeiten versprechen. Waris ist zu jung, um die Angebote zu durchschauen und wird verletzt und missbraucht.

Der Film springt zu einer fünf Jahre älteren Waris, die dank einer Anstellung als Zimmermädchen in der Somalischen Botschaft in London lebt und kein Wort Englisch spricht. Der Zuschauer spürt ihre Entwurzelung und gleichzeitige Verzweiflung über die vielen Hindernisse, die sich vor ihr auftun. Als die Botschaft geräumt wird, sieht sie sich gezwungen auf eigene Faust erste Schritte in London zu machen. Schnell lernt man nicht nur ihre Entschlossenheit und Bestimmtheit kennen, sondern auch ihren unerschöpflichen Optimismus. Dass sie mit 18 von einem berühmten Fotografen entdeckt wird und als Topmodel Karriere macht, spielt eine untergeordnete Rolle. Denn während ihr Leben nach außen eine Wendung nimmt, kämpft sie weiterhin gegen eine viel tiefer sitzende Unsicherheit: Die Frage nach ihrer Weiblichkeit vor dem Hintergrund der traumatisierenden Beschneidung, bei der ihre Schamlippen und Klitoris abgeschnitten und zugenäht wurden.

Neben den gesundheitlichen Problemen, mit denen ich noch immer zu kämpfen habe, werde ich niemals eine lustvolle Sexualität erleben. Ich fühle mich unvollständig, behindert, und ich weiß, dass ich nichts dagegen tun kann; das gibt mir ein Gefühl von Ohnmacht.

S. 331

Einschneidend bleibt ihr erster Arztbesuch in Erinnerung. Nach langem Zögern ringt sie sich schließlich dazu durch, medizinische Hilfe wegen einer von der Beschneidung verursachten schmerzhaften Verwachsung in Anspruch zu nehmen. Der englische Arzt bittet einen somalischen Arzt darum, seine Aussagen zu übersetzen. Anstelle von Beistand beschimpft dieser Arzt Waris. Er wirft ihr vor, Schande über sich und ihre Familie zu bringen und lässt sie verstört und gedemütigt zurück.

Ich hörte schon ihre Schimpftiraden: Wie kannst du es wagen, unsere uralten Traditionen zu kritisieren?

S. 330
Waris Dirie als Aktivistin

Umso aussagekräftiger ist das Engagement Waris gegen jene Beschneidung. Mit dem Veröffentlichen von Büchern und Interviews wehrt sie sich dagegen, wie ihre Schwestern und Mutter vom Opfer zur Täterin zu werden. Diese Frauen tragen nicht nur die ihnen bekannten Schönheitsideale und Haltungen weiter, sondern beschneiden mitunter auch ihre eigenen Töchter.
Auf dem Höhepunkt ihrer Modelkarriere führte Waris Dirie ein Interview, in dem sie erstmalig über die Verletzung spricht, die sie schon so früh erfahren musste. Dem Interview folgt ein internationaler Aufschrei. Vielen Menschen war diese Form von Brauchtum nicht bekannt, sodass Waris Bericht vielerorts Fassungslosigkeit auslöst.

Am Tag darauf konnte ich nicht fassen was ich getan hatte und schämte mich schrecklich. (…) Aber irgendwann sagte ich mir: Wenn es nötig ist, dass du dich dafür deiner Würde beraubst, dann nichts wie weg damit. Ich legte meine Würde ab, als würde ich Kleider ausziehen und lebte ohne sie weiter.

S. 330

Der Film Wüstenblume geht seinen Zuschauern nach. Nicht, weil er mit Bildern verstört oder reißerischen Dialogen schockiert. Wüstenblume sagt viel, ohne dabei laut zu werden. Den Zuschauenden werden auf eine unaufdringliche Art die Augen vor einem gewaltigen Unrecht geöffnet. Gleichzeitig wird auch die Liebe von Waris für ihre Heimat Somalia so greifbar, dass nicht der Raum für Vorurteil und pauschale Aussagen geschaffen wird. Selbst im Hinblick auf die Beschneidung ist der Film in seiner klaren Kernaussage zurückhaltend und lässt dem/r Zuschauer/in genug Platz für eine eigene Reaktion.

Ich habe begriffen wie unglaublich stark die Frauen in Somalia sein mussten, allein um die Bürde zu tragen, dort eine Frau zu sein. (…) Als ich die grobe Naht an meiner Scheide aufschneiden ließ, damit ich wenigstens richtig urinieren konnte. (…) In Wahrheit habe ich großes Glück. Denn wie steht es mit den Ehefrauen, die nach der Geburt wieder mit Nadel und Faden zugenäht werden, damit nur eine enge Öffnung für den Ehemann bleibt? Was muss die junge Frau durchmachen, die kurz vor der Geburt ihres Kindes steht, aber immer noch zugenäht ist?

S. 327f.
klit.COLOGNE
 Female Genital Mutilation

Unter weiblicher Genitalverstümmelung bzw Female Genital Mutilation werden verschieden Formen von kultureller und im regionalen Brauchtum verankerter Beschneidung zusammengefasst. Es handelt sich um in 3 verschiedene Praktiken die sich am Ausmaß der Veränderung unterscheiden lassen: von der reinen Entfernung der Klitoris (inklusive Vorhaut) bis zur zusätzlichen Entfernung der inneren Schamlippen. Bei der Infibulation hingegen handelt es sich um einen „Verschluss des Schambereichs“, dessen Öffnung ausschließlich Recht des Ehemanns ist. Dabei werden die äußeren Schamlippen zusammengenäht (mit oder ohne Entfernung der inneren Schamlippen und der Klitoris) und so gleichzeitig die Vaginalöffnung verengt.1 Da die Eingriffe oftmals nicht unter sterilen Bedingungen stattfinden (im Freien und mit Rasierklingen sowie Pferdehaar anstelle von Nähgarn) sind Infektionen und Komplikationen häufig. Insbesondere HIV-Infektionen und ein sich einstellender Schock sowie eine Sepsis oder Organschäden können zu einem schnellen Versterben der Frauen führen. Besonders in Ost- und Westafrika sind viele oftmals junge Frauen (bis zu 80% der Frauen in Somalia) betroffen. Weltweit sind bis heute mehr als 200 Millionen Frauen beschnitten. Auch in Deutschland werden Beschneidungen illegal durchgeführt: Laut der Bundesministerin für Familie und Frauen, Franziska Giffey, steigen die Zahlen in Deutschland jährlich, 2020 auf ca. 68.000 betroffene Mädchen.2

Waris Dirie

ist heute 55 Jahre alt und wurde als eins von 12 Kindern in einer muslimischen Nomadenfamilie geboren. Ihr Name bedeutet Wüstenblume. Seit 1997 setzt sie sich gegen Female Genital Mutilation ein und war von 1997 bis 2003 UN-Botschafterin gegen ebenjene Beschneidung. 2002 gründete sie ihre eigene Initiative gegen Genitalverstümmelung bei Frauen, genannt Desert Flower Foundation. Im Zuge dieser Arbeit eröffnete sie 2013 ein medizinisches Zentrum zur Behandlung und Betreuung von Opfern von Beschneidung. Weitere Bücher sind Nomadentochter (mit Jeanne d’Haem, Desert Dawn, 2002), Schmerzenskinder (mit Corinna Milborn Christian Nusser, 2005), Brief an meine Mutter (mit Christian Nusser, 2007), Schwarze Frau, Weißes Land (2010).

Autorin

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  1. Female Genitale Mutilation, World Health Organization, auf Website UNICEF, 3. Februar 2020, https://www.unicef.org/media/files/FGMC_2016_brochure_final_UNICEF_SPREAD.pdf, Zugriff am 30. Oktober 2020. []
  2. Mehr Opfer weiblicher Genitalverstümmelung, Tagesschau, 25.Juni 2020) https://www.tagesschau.de/inland/ genitalverstuemmelung-deutschland-101.html []

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