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What a time to be alone

Seit einem Jahr befinden wir uns in einem Ausnahmezustand: Pandemie – Lockdown – Kontaktbeschränkungen – Existenzängste – erhebliche Limitierung unserer Freizeitaktivitäten. Was uns trotz sämtlicher Restriktionen bleibt, das sind wir selbst. Wann zuvor hatten wir so viel Zeit, uns nur mit der eigenen Person zu beschäftigen? Und warum sollten wir das unbedingt tun?

Antwort gibt die britische Autorin Chidera Eggerue in ihrem Bestseller „What a time to be alone“ (2018). Das Buch ist ein buntes Sammelsurium aus nigerianischen Weisheiten, plakativen Affirmationen und kurzen Texten, die zur Selbstreflektion anregen, empowern und die Seele streicheln. Ihr Buch ist farbenfroh gestaltet und mit Witz versehen, was es zu einer kurzweiligen, wohltuenden Lesefreude macht. Ich habe mich selbst immer wieder erwischt, wie ich Absätze fotografierte und Freund:innen oder Familie zusendete, weil ich sie oder mich in den Zeilen wiederfand.

In drei Akten ermutigt Eggerue ihre Leser:innen, liebevoll mit sich selbst zu sein („You“), toxische Beziehungen zu beenden („They“) und im Zusammensein mit anderen Menschen gemeinsam zu wachsen („Us“).

YOU

„It’s time we find security in our solitude. Thankfully, it’s never too late to find safety in yourself.“

Immer noch geprägt von patriarchalischen Strukturen neigen Menschen dazu, in Abhängigkeitsverhältnissen zu leben und ihr Handeln primär an den Reaktionen des Umfeldes auszurichten. Eines der wichtigsten Bestreben: Anerkennung. Doch keine Anerkennung von außen kann je das Loch füllen, was entsteht, wenn wir uns selbst nicht lieben. Eggerue macht deutlich, wie wichtig das Thema Selbstliebe ist. Denn wo Selbstliebe besteht, befindet sich der beste Nährboden für den guten Umgang mit anderen Menschen.

THEM

Doch was bedeuten gute Beziehungen? Unverblümt geht Eggerue auf Formen von toxischen Beziehungen ein, die uns vermutlich allen nicht fremd sind: Freundschaften aus der Vergangenheit, an denen du nur der Vergangenheit wegen hängst; Beziehungen, die die „schlechten“ Seiten in dir hervorkitzeln; selbstlose Freundschaften, in denen du nie die verdiente Aufmerksamkeit erhältst.

Die Autorin wirft ein Licht auf Phänomene in zwischenmenschliche Beziehungen, die uns meist bekannt sind, die wir aber lieber verdeckt halten. Warum? Weil wir fürchten, dass das toxische Verhalten der Mitmenschen Ausdruck unserer Unvollkommenheit sein könnte – wir schlichtweg nicht gut genug sind. Doch wie befreien wir uns aus diesen Beziehungen? Richtig! Indem wir uns selbst lieben, schätzen und beschützen.

„You are allowed to change your mind how you feel about other people.“

US

Bei all den toxischen Bezügen soll jedoch nicht vergessen werden, dass in zwischenmenschlichen Kontakten eine der größten Bereicherungen im Leben liegen. Daher befasst sich Eggerue in Teil drei mit dem wunderbaren Gefühl der Zusammengehörigkeit. Wir sind soziale Wesen. Tief in uns verankert ist das Bedürfnis nach Liebe, Nähe und Anerkennung und das ist okay! Mit dem homo oeconomicus entstand in der westlichen Leistungsgesellschaft vermehrt der Anspruch nach einem rationalen Menschen, Emotionen wurden Ausdruck von Schwäche. Doch gerade die Verwundbarkeit macht uns menschlich. Die Autorin ermutigt ihre Leser:innen, ihren Stolz beiseite zu packen und Emotionen freien Lauf zu lassen. Im Gepäck dennoch stets die Frage, was gut für dich ist – ein schwieriger Balance-Akt.

Das Buch endet wie es begonnen hat:

„Even if you’re alone, you’re still in the best company. May you find security in your solitude.“

Und vielleicht klingt der Satz am Ende des Buches schon etwas anders in deinen Ohren. 😊

Chidera Eggerue ist eine britische Autorin, Bloggerin, Designerin und Feministin. Erstmalig in der Öffentlichkeit bekannt wurde sie durch ihren Hashtag #saggyboobsmatter, mit dem sie weltweit dafür plädierte, nicht dem gängigen Schönheitsideal von Brüsten hinterherzurennen sondern der Vielfältigkeit der weiblichen* Brust eine wertschätzende Plattform einzurichten (2017). Mit der Veröffentlichung von „What a time to be alone“ (2018) kam ihr Durchbruch. Sie war in einer Vielzahl von TED talks und Talkshows zu sehen und erhielt den Cosmopolitan Preis „Changemaker of the year“.

„What a time to be alone“ bringt keine komplett neuen Erkenntnisse hervor, aber erinnert an sehr wichtige Botschaften, die man im Alltag immer mal wieder vernachlässigt. Daher definitiv lesenswert!

Übrigens: 2020 hatten wir auch einen Themenzyklus zur Selbstfürsorge. Lest doch mal rein.

Autorin

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