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Sexualisierte Gewalt

Das Thema unseres nächsten Zyklus ist eines, bei dem sich alle wünschen, damit nie in Verbindung zu kommen. Jedoch so gut wie jede von uns tut es.

„Jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Etwa jede vierte Frau wird mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner.“1

JEDE. DRITTE. FRAU. (Und das sagt nur die Statistik.)

Es schwarz auf weiß geschrieben zu sehen wirkt unwirklich und doch ist es Realität. Wenn ich mich in meinem Freundeskreis umhöre, dann kenne ich keine einzige Frau, die keine sexualisierte Gewalt erfahren hat. Es gibt immer die eine Freundin, der auf einer Party an die Brust gegriffen wurde. Die Kollegin, der KO-Tropfen in den Drink geschüttet wurden. Die Bekannte, die von ihrem Chef am Arbeitsplatz sexuell belästigt wird. Oder das Mädchen, das von einem Familienmitglied missbraucht wird.

Gleichzeitig kenne ich keine männlich gelesene Person, die zugibt, sich schon einmal übergriffig verhalten zu haben. Zufall? Eher nicht. Das ist aber auch einer der Gründe, weshalb wir uns für diese Thematik entschieden haben. Von klein auf wird uns gesagt, wie wir uns zu verhalten haben: nicht zu „aufreizend“ anziehen, nicht in die Augen gucken, nicht „provozieren”, nicht allein nachts durch Parks laufen und so weiter. Wir alle kennen sie, diese zahlreichen “Überlebenstipps”. Aber wenn uns – trotz all der Vorsichtsmaßnahmen – dann doch etwas passiert und wir darüber reden, dann heißt es schnell „warum warst du denn nachts allein im Park“ oder „ich glaube dir nicht“. 

Sexualisierte Gewalt geht jede:n etwas an

Das Thema der sexualisierten Gewalt ist gewaltig und sehr facettenreich. Es ist frustrierend, es macht einen traurig und fassungslos. Aus diesem Grund ist auch enorm wichtig darüber zu reden. Frauen zu glauben, die davon berichten. Und vor allem: mit Männern darüber zu sprechen. Denn Frauen prangern sexualisierte Gewalt schon seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten an. Es wird sich jedoch leider nichts ändern, wenn ausschließlich weiblich gelesene Personen darüber sprechen und die Gewalt sichtbar machen. Jede und jeder muss sich verantwortlich fühlen, sexualisierte Gewalt zu erkennen, zu benennen und die Personen, die davon betroffen sind, zu unterstützen. 

Daher sollte das Thema sexualisierte Gewalt auch unter Männern ein wichtiges Thema sein. Sprecht untereinander darüber, sprecht eure Freunde oder Bekannten auf Fehlverhalten an. Wenn ihr eine Situation beobachtet, dann ignoriert sie nicht. Geht zu der betroffenen Person hin und fragt, ob es ihr gut geht, ob sie etwas braucht und dann helft ihr. Spielt sexualisierte Gewalt nicht runter! Sie hat viele Facetten und unzählige Folgen für die Betroffenen. Und am wichtigsten: reflektiert euer eigenes Verhalten. Übergriffiges Verhalten ist niemals “nichts”. 

Rechtlich oft aussichtslos

Ein weiteres Problem ist zudem die rechtliche Lage, um sexualisierte Gewalt anzuzeigen – diese ist mehr als schwierig. Wenn eine Frau von sexualisierter Gewalt betroffen ist, sagen wir, sie wird vergewaltigt, und sie überlebt. Sie schafft es irgendwie eine Hilfestelle zu kontaktieren und den Prozess der Spurensicherung über sich ergehen zu lassen, um vor Gericht später irgendetwas in der Hand zu halten. Sie zeigt ihren Vergewaltiger an, übergibt die Beweise, und wird sich dann vor Gericht, wenn es denn überhaupt so weit kommt, von ihrem Vergewaltiger anhören müssen, dass es sich um einvernehmlichen Sex gehandelt hätte. Es steht Aussage gegen Aussage – im Zweifel für den Angeklagten. Dieser schmerzhafte, langwidrige und zum Teil aussichtslose Prozess, der da zusätzlich zum eigentlich Trauma auf einen zukommt, führt mit dazu, dass weiterhin enorm wenige sexualisierte Gewalttaten angezeigt werden. Noch weniger führen zu einer Verurteilung. Sobald eine Frau mit Anschuldigen an eine Person herantritt, wird zusätzlich schnell von „Unschuldsvermutungen“ gesprochen und „die will doch nur berühmt werden“ geschrien. An dieser Stelle sei an die Auflistung von Carolin Kebekus erinnert, die eine Liste mit Frauen erstellt hat, die durch solche Anschuldigungen berühmt geworden sind: 

Ach ja, niemand. KEINE. EINZIGE. FRAU.2

Was bedeutet sexualisierte Gewalt?

Man versteht unter sexualisierter Gewalt jede Form der Gewalt, die sich in sexuellen Übergriffen ausdrückt. Hierbei geht es um jeden Übergriff auf die sexuelle Selbstbestimmung einer Person, bei dem den Betroffenen von den Täter:innen deren Wille aufgedrängt wird.3Die Täter:innen nutzen die sexuellen Handlungen, um Gewalt und Macht zu demonstrieren und auszuüben.4

Von sexualisierter Gewalt sind extrem häufig weiblich gelesene Personen betroffen.5 Aufgrund des Abhängigkeitsverhältnisses, in dem sexualisierte Gewalt oftmals stattfindet, erfahren überproportional häufig Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen sexualisierte Gewalt.6 Auch Personen der LGBTQIA+-Community zählen sehr häufig zu den Betroffenen.6

Unter sexualisierte Gewalt fällt nicht nur, wie oft angenommen, Gewalttaten wie Vergewaltigung und Misshandlung – sexualisierte Gewalt kann sich in vielen Formen äußern, am häufigsten tritt sie als Belästigung auf. Dazu zählen zum Beispiel auch sexuelle Anspielungen, obszöne Worte oder Gesten, aufdringliche und unangenehme Blicke, Nachrichten mit sexuellem Inhalt (wie z.B. Dickpics) und sexualisierte Berührungen.6

Um Mädchen und Frauen vor sexualisierter Gewalt zu schützen, werden bestimmte Lebensräume für sie von klein auf in „gut“ und „böse“ eingeteilt – die „guten“ sind scheinbar sichere Zonen, in denen nichts passieren sollte. Die „bösen“ sollen gemieden werden, damit es gar nichts erst zur Erfahrung von sexualisierter Gewalt kommen kann. Das Problem ist, dass hingegen der Annahme, die Übergriffe würden in öffentlichen „bösen“ Räumen, zum Beispiel im Park beim Joggen, nachts auf dem Nachhauseweg von einer Party oder im dunklen Parkhaus geschehen, sie hauptsächlich in den „gute“ Räumen passieren, wie zum Beispiel im engen Familien- und Freundeskreis.3 Die meisten Frauen kennen die Täter.

Wie und wo finden Betroffene Hilfe?

  • Betroffene und ihr Umfeld können die Polizei unter 110 verständigen.
  • Betroffene können Strafanzeige erstatten/ einen Strafantrag stellen. Die Polizei muss hier ermitteln.
  • Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen berät Betroffene, Angehörige und Zeugen anonym und kostenlos bundesweit und rund um die Uhr unter 08000-116016. Die Mitarbeiterinnen sind ausgebildet und können Kontakt zu Beratungseinrichtungen und Hilfeangeboten vor Ort herstellen.
  • Lokale Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe können Betroffenen helfen.
  • Frauenhäuser sind eine sichere Unterkunft und können vor weiteren Gewalterfahrungen Schutz bieten.7

Anlaufstellen für Betroffene in Köln und Umgebung:

Hilfesystem Köln: http://www.notruf-koeln.de/wp-content/uploads/pdf/Koelner_Hilfesystem.pdf

Ein Leitfaden für professionell Helfende zum Ausstieg aus organisierter sexualisierter Gewalt: http://nina-info.de/images/Support-Ein_Leitfaden-komprimiert.pdf


Zur Sprache auf diesem Blog: Immer, wenn wir Genderbezeichnungen nutzen, beziehen wir uns gleichermaßen auf trans wie cis Menschen. Uns ist bewusst, dass die von uns verwendeten Begriffe soziale Konstrukte sind und es mehr als zwei Geschlechter gibt. Um gendersensible Sprache zu verwenden, nutzen wir den Doppelpunkt. Falls wir über eine Person schreiben, die sich eine andere Selbstbezeichnung wünscht, verwenden wir diese.

Schwarz wird großgeschrieben, da dies nicht für eine Hautfarbe, sondern politische Selbstbezeichnung steht. weiß wird kursiviert, da es sich dabei um eine privilegierte Positionszuschreibung handelt.

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  1. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Sexualisierter Gewalt. 2021. URL: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/frauen-vor-gewalt-schuetzen/haeusliche-gewalt/haeusliche-gewalt-80642 []
  2. Vgl. Carolin Kebekus in DCKS 2021. URL: https://www.youtube.com/watch?v=OPcd14EezEw []
  3. Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Sexualisierte Gewalt erkennen. Stärker als Gewalt. 2021. URL: https://staerker-als-gewalt.de/gewalt-erkennen/sexualisierte-gewalt-erkennen [] []
  4. Vgl. Alter und Trauma: Sexualisierte Gewalt – Formen, Folgen, Täterprofile. 2021. URL: https://www.alterundtrauma.de/basiswissen/sexualisierte-gewalt/wann-spricht-man-von-sexualisierter-gewalt.html []
  5. Vgl. Hilfetelefon: Sexualisierte Gewalt. URL: https://www.hilfetelefon.de/gewalt-gegen-frauen/sexualisierte-gewalt.html []
  6. Vgl. ebd. [] [] []
  7. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Sexualisierte Gewalt erkennen. Stärker als Gewalt. URL: https://staerker-als-gewalt.de/gewalt-erkennen/sexualisierte-gewalt-erkennen []

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