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PerspekTITTEN: Ansichten einer Mutter übers Lästern

In einem erwachsenen Leben jenseits des 30. Lebensjahres werden die Würfel in der Regel selten so neu gewürfelt, dass du das Gefühl hast, kein Stein bliebe mehr auf dem anderen. Konkret gesprochen, hast du dir bis zur Lebensphase, in der du deinen losen Kinderwunsch in die Realität überträgst und bewusst schwanger wirst, zumindest in Deutschland, einen gewissen Reim auf das Rätsel deines Lebens gemacht. Vielleicht hast du das Gefühl, schon ganz schön an dir gearbeitet und ein stabileres Selbstbild erackert zu haben. Du weißt, was du schon geschafft und woran du bisher gewachsen bist. Du hast dich immer wieder gewissenhaft ergründet, wenn du es denn wolltest und versuchtest.

Und dann ist sie da, die Mutterschaft qua Schwangerschaft und erst recht qua Geburt und du bist so unerfahren, wie du es schon lange nicht in irgendetwas gewesen bist. Du kriegst jede Menge, meist ungebetene Ratschläge von anderen Menschen, die suggerieren, sie hätten es raus, aber selbst wohl nur aus diversen Gründen projizieren und kaschieren. Im Übrigen trägt hier die vorwiegend „glitzy shiny“ Social Media-Welt nicht sonderlich zu einem realitätsnahen Umgang mit den wahren Herausforderungen bei, denn nach den authentischen Accounts musst du schon gezielt buddeln. Du willst außerdem nicht wahrhaben, dass sich alles, einfach alles, auch und gerade deine Partnerschaft, nach und nach verändert und du neue Realitäten anerkennen musst, die du vorher so vehement und klug wegdiskutieren konntest, als du noch im „Trockenen“ und ganz hypothetisch über Mutterschaft nachdachtest. Du haderst nicht selten damit, dass das alles so ist, während auch dein Körper sich meldet und deine Gesundheit in irgendeiner Art in Mitleidenschaft gezogen wurde; durch die Schwangerschaften, Entbindungen, Hormontsunamis und diverse Tage, Wochen, Monate und Jahre des Schlafentzugs und Funktionierens zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit. Nicht zuletzt hast du aus Liebe zum Kind jede Menge Selbstbestimmung und Freiheiten hergegeben. Das tust du freiwillig. Und du hörst schon die Unken rufen, dass dies ja nicht sein muss, weil das Kind schließlich auch einen Vater habe. Aber wenn du ehrlich bist, ist der voll da, verdammt viel da und gibt und tut, nur macht das auch nur Inseln möglich, aber keine alte, volle Freiheit des Tuns und Lassens und allumfassender Selbstbestimmung. Und Inseln sind endlich. Die Sehnsucht vorprogrammiert. Er macht sich mit dir auf den Weg, er wächst allmählich an den neuen Aufgaben, er bringt sich zu gleichen Teilen ein. Er „hilft“ nicht nur. Er ist einfach auch ElternTEIL und teilt das Ganze, das Elternschaft ausmacht, nach Möglichkeit mit dir. Er macht im gemeinsamen Alltag Inseln möglich. Stößt dabei aber auch an seine Grenzen. Ist auch nicht mehr der alte Fels in der Beziehungsbrandung, sondern ein funktionierender Dampfkessel.

“Du erhöhst dich auf Kosten der Anderen. (…) Du verurteilst und posaunst, weil du hoffst (…), dass du ein wenig mehr den Dreh raushast.”

Kurzum: Du bist – SELBSTGEWÄHLT – und (gefühlt) unversehens ganz schön verunsichert, runtergerockt auf so vielen Ebenen und unerfahren in dem, was du tun sollst, dass du mit den niedersten Instinkten Hand in Hand gehst, um Druck abzulassen. Du erhöhst dich auf Kosten der Anderen. Du neidest Ihnen die präsenten Großeltern, die so viel helfen, und du nimmst eine vermeintlich intimere Paarbeziehung wahr, die den frischen Eltern etwas mehr zu gelingen scheint als dir und deinem Partner, du redest sie klein, um deine Unzulänglichkeiten zu kaschieren. Du verurteilst und posaunst, weil du hoffst und inständig meinst, dass du ein wenig mehr den Dreh raushast. Du siehst und prangerst, natürlich hinter verschlossener Nesttür, an, dass da jemand seine/ihre „inner work“ nicht gemacht hat. Aber letztendlich begibst du dich in einen ungesunden Wettbewerb ohne es zu merken und kommst erst wieder bei dir selbst an, wenn du weniger die Instinkte aus Teenie-Tagen bedienst und auf Andere blickst. Wenn du vielmehr dich als Konstante mit Wachstumsschmerz begreifst und die Zuversicht kultivierst, dass du vieles noch nicht kannst und weißt, aber schon noch irgendwie fassen wirst. Einige Frauen leben durch ihre Kinder, verbuchen deren noch so kleine „Erfolge“ und die Proklamation derselben auf allen Kanälen als ihre. Einige Frauen verlieren sich in vermeintlicher Expertise mit Excel-Tabellen für die weichsten Kinderschühchen und die sichersten Kindermatratzen, um vielleicht einfach konkrete Gradmesser dafür zu haben, dass sie etwas echt gut machen.

Die meisten Mütter, die ich mit fortschreitendem Lebensalter meiner Kinder, erlernen aber einiges an Güte, Verständnis und Solidarität gegenüber anderen Müttern an den Tag zu legen, weil sie anerkennen, dass wir alle irgendwie hadern und wir alle irgendwie heil und gewachsen-erwachsen daraus hervorgehen wollen. Ergo ist mir die „Mütter reden heftig über Mütter“-Kiste vor allen Dingen in meiner „Anfänger“-Phase im Mütterbusiness begegnet. Wahrscheinlich auch, weil ich selbst so empfänglich für das Thema war. Dass sie sich deutlich stärker gelegt hat, freut mich sehr. Dass es nur eine Blase ist, weiß ich aber auch. Online hackt man dafür noch zu gern im Frust des Alltags schon mal die Augen der Mama-Influencerin aus, deren Kind mit 11 Monaten tatsächlich immer noch nicht richtig gehen kann. Was für ein Versagen. Man stelle sich mal vor!


Zur Sprache auf diesem Blog: Immer, wenn wir Genderbezeichnungen nutzen, beziehen wir uns gleichermaßen auf trans wie cis Menschen. Uns ist bewusst, dass die von uns verwendeten Begriffe soziale Konstrukte sind und es mehr als zwei Geschlechter gibt. Um gendersensible Sprache zu verwenden, nutzen wir den Doppelpunkt. Falls wir über eine Person schreiben, die sich eine andere Selbstbezeichnung wünscht, verwenden wir diese.


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