Allgemein,  Salonthema,  Wie Frauen über Frauen reden

Intersektionale Perspektiven aufs Lästern

In unserem Salon zum Thema ‚Frauen reden über Frauen‘ sprachen irgendwann zwei Mütter an, dass sie viele Lästereien und Missgunst unter Müttern wahrnehmen. Daraufhin haben wir uns gefragt, ob es bestimmte Gruppen gibt, in denen Lästern oder Solidarität unter Frauen stärker ausgeprägt ist. Halten (marginalisierte) Gruppen automatisch stärker zusammen? Wird aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, ihres Glaubens oder ihrer Hautfarbe mehr über sie und untereinander gelästert? Wir haben euch ein paar Antworten zusammengetragen und siehe da: Lästern ist genauso vielfältig, wie Menschen selbst!

Also ich kenne das nicht aus meiner queeren Community in Köln. Ich habe auch nur sehr wenige queere Freunde und mit denen quatsche ich dann über andere Sachen. Aber woher ich Lästern auf jeden Fall kenne, ist aus dem Dorfkontext. Ich bin in einem kleinen Weindorf an der Mosel aufgewachsen und Lästern war das Mittel, das den sozialen Druck im Dorf hochgehalten hat. Frauen wurden schon sehr oft verurteilt. Vor allem die „Regeln und Grenzen” waren schon sehr früh klar festgelegt.

Eva, 29

Kindererziehung ist erstaunlicherweise etwas sehr Unprivates. Als Mutter steht man unter Beobachtung der Öffentlichkeit, die sich ungefragt einmischt, damit hier auch bloß ein ordentliches Gesellschaftsmitglied herangezogen wird. Keine andere Gruppe tut das mit einer vergleichbaren Akribie und Wertung wie andere Mütter. Eltern behacken sich auf unerträgliche Weise gegenseitig, um einen Krümel von der Anerkennung abzubekommen, die in der Gesellschaft für Sorgearbeit zur Verfügung steht. Klar, je knapper die Ressource, umso härter der Kampf.

Solveig, 31
klit:COLOGNE

Ja, queere Frauen lästern übereinander. Dabei geht es tatsächlich meistens um Themen, die mit der Sexualität zusammenhängen, z. B. „Die hat auch schon ganz Köln durch“. Da gibt es eben eine riesige Schnittstelle: Queere Frau spricht mit queerer Frau über queere Frau. Einen besonderen Zusammenhalt gibt es meines Eindrucks nach nicht. Wenn jemand mit mir über eine Freundin lästern will, halte ich natürlich zu ihr. Das basiert aber eben auf der Freundschaft und ist unabhängig von der Sexualität. Wenn es um Lästern auf Persönlichkeitsebene geht, sehe ich keinen Unterschied zwischen meinen Gesprächspartner*innen.

Vera, 24

Du erhöhst dich auf Kosten der Anderen. Du neidest Ihnen die präsenten Großeltern, die so viel helfen, und du nimmst eine vermeintlich intimere Paarbeziehung wahr, die den frischen Eltern etwas mehr zu gelingen scheint als dir und deinem Partner, du redest sie klein, um deine Unzulänglichkeiten zu kaschieren. Aber letztendlich begibst du dich in einen ungesunden Wettbewerb, ohne es zu merken und kommst erst wieder bei dir selbst an, wenn du weniger die Instinkte aus Teenie-Tagen bedienst und auf Andere blickst. Wenn du vielmehr dich als Konstante mit Wachstumsschmerz begreifst und die Zuversicht kultivierst, dass du vieles noch nicht kannst und weißt, aber schon noch irgendwie fassen wirst.

eine Mutter, 38

Manchmal kommt es mir vor als sei die Betitelung Christ:in heute in Deutschland geradezu eine Einladung zur Lästerei: veraltetes Wertverständnis, verklemmt sein und im Großen und Ganzen ein wenig naiv. Wenn im Gespräch der Eindruck entsteht, man könne mit der Kirche in Verbindung gebracht werden, wird schnell versucht, sich zu distanzieren und obwohl wir in einer so dialogbereiten und offenen Gesellschaft leben, schlägt mir manchmal kategorische Abneigung entgegen.        
Christ:innen reden auch über andere Christ:innen – das wäre auch eine komische Gemeinschaft, in der kein Interesse für gute Stories ist. Lästern ist Bibeltechnisch gesehen keine Grauzone und vielleicht habe ich auch deswegen noch nie eine christliche Lästerrunde à la „Krass, die hat schon wieder nen neuen Typen am Start“ erlebt. Das Leben ist hart genug und jede:r hat es verdient, den Rücken freigehalten zu bekommen. 

Anna, 22

Ich kann nicht viel dazu sagen, wie viel PoC untereinander lästern, da ich mit meinem Umzug in eine Kleinstadt in einer mehrheitlich weißen Bubble lebe und wenig mit weiblichen PoCs zu tun habe. Lästern hat für mich nichts mit dem ethnischen Hintergrund zu tun. Ich lästere gerne, mache da aber keinen Unterschied zu Geschlechtern, Herkünften etc. Einen Zusammenhalt zwischen verschiedener PoC zum Thema lästern kann ich aufgrund fehlenden Kontaktes schwer fest machen. Was meine Hautfarbe betrifft, wurde lediglich im Kindesalter so über mich gelästert, dass ich es mitbekommen habe, das hat mich auch sehr getroffen. Mittlerweile würden mich diesbezüglich Lästereien nicht mehr interessieren, da ich eine sehr schöne Hautfarbe habe und mir dieses Wissen niemand madig machen kann, egal wie.

Katja, 24
klit:COLOGNE

In dem LGBTQI+ Umfeld, in dem ich mich bewege, wird eigentlich nicht gelästert. Auch wenn mir eine Freundin etwas erzählt, ist das immer mehr bestärkend als abwertend. Ich glaube ich habe seit dem Ende der Schulzeit nicht mehr über andere Frauen gelästert, weil mich das nervt und ich mehr auf Unterstützung setze. Es wird sich v. a. viel bekräftigt, wenn es um Bodypositivity geht, darum wie ich mich kleide (eher feminin/stereotyp männlicher etc.) und in Hinsicht auf Coming-Out, wie sieht‘s aus mit Heiraten, Familie, Beziehung … Also wird viel mehr darüber geredet, wie du klarkommst, als mit dem Finger auf andere gezeigt. Ich bin froh, dass ich das so erlebe und weiß, dass es das auf jeden Fall auch anders gibt.

Johanna, 26

Zur Sprache auf diesem Blog: Immer, wenn wir Genderbezeichnungen nutzen, beziehen wir uns gleichermaßen auf trans wie cis Menschen. Uns ist bewusst, dass die von uns verwendeten Begriffe soziale Konstrukte sind und es mehr als zwei Geschlechter gibt. Um gendersensible Sprache zu verwenden, nutzen wir den Doppelpunkt. Falls wir über eine Person schreiben, die sich eine andere Selbstbezeichnung wünscht, verwenden wir diese.

Autorin

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