Gendermedizin,  Salonthema

Intersektionale Gendermedizin

Wir haben beim Salon zur Gendermedizin viele Fragen formuliert. Wieso ist der Gender Data Gap in Bezug auf Frauen so viel höher? Wieso wurden nach dem Contergan-Skandal Medikamente weiterhin vorwiegend an jungen Männern getestet? Welche ethischen Fragen stellen sich? Aber auch: Wie intersektional ist die Gendermedizin? 

Es gibt in Deutschland bislang nur ein einziges Institut, dass sich mit Gendermedizin befasst – an der Charité in Berlin. Jedoch gibt es nicht nur zwischen (weißen) Männern und (weißen) Frauen körperliche Unterschiede, die unterschiedliche medizinische Versorgung nach sich ziehen sollte, sondern nicht-binäre Körper, Körper von BIPoCs, Körper von Menschen mit Behinderungen sind ebenfalls unterschiedlich und müssen medizinisch erforscht werden. Dabei spielen nicht nur körperliche Faktoren, sondern auch soziokulturelle, wie Bildungsstand, soziale Herkunft oder kulturelle Erziehung, eine Rolle. Gendermedizin, die sich mit den Unterschieden zwischen Männern und Frauen beschäftigt, ist bislang marginal vertreten; die intersektionale Gendermedizin steht noch in den Startlöchern.

Frauen mit Migrationsgeschichte
Das Robert-Koch-Institut hat 2020 gemeinsam mit dem Statistischen Bundesamt einen Bericht veröffentlicht, der auf die gesundheitliche Lage von Frauen in Deutschland eingeht.1 Dem ist zu entnehmen, dass die statistische Erfassung zur Vorsorge von Behandlung von eingewanderten Frauen bzw. Frauen, die direkte Nachkommen von Eingewanderten2 sind, im Gesundheitssystem unzureichend ist. Trotzdem lassen sich aus den aktuellen Informationen bereits einige erste Schlüsse ziehen: Demnach seien Frauen mit Migrationsgeschichte seltener von bestimmten chronischen Krankheiten betroffen, leiden jedoch häufiger an depressiver Symptomatik als Frauen ohne Migrationsgeschichte.3 Darüber hinaus wird festgestellt, dass sie seltener ärztliche Hilfe aufsuchen bzw. Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen würden.4 Gründe dafür seien, zum einen sprachlichen Barrieren (bspw. der bürokratische Aufwand zur Beantragung einer Pflegestufe), was zeigt das auch der Bildungsstand ein entscheidender Faktor zum Zugang zu medizinischer Versorgung ist: Frau muss wissen wie sie wo Termine vereinbaren kann, Formulare ausfüllen, Probleme beschreiben können. Zum anderen spielten auch kulturelle Aspekte (bspw. Frauen pflegen vermehrt und stellen dabei eigene Bedürfnisse zurück) sowie diskriminierende und ungleiche Erfahrungen in Behandlungen eine Rolle.5 Sehr viele BIPoCs, die der Definition dieses Berichts nach leider nur zu Teilen repräsentiert werden, berichten von rassistischen Erfahrungen im deutschen Gesundheitssystem. Das Netzwerk Schwarzer Mediziner:innen6 sammelt und veröffentlicht anonym Erfahrungsberichte von BIPoCs mit dem deutschen Gesundheitssystem. Viele berichten von rassistischem Verhalten, von rassistischen Vorurteilen oder davon, dass sie nicht ernst genommen werden, was sich auf ihren Krankheitsverlauf auswirkt.7 Die Autorin und Antirassismustrainerin Tupoka Ogette hat zuletzt ebenfalls via Instagram auf das Thema aufmerksam gemacht und sowohl eigene als auch Erfahrungen von Follower:innen geteilt. Dort wird zusätzlich kritisiert, dass in Medizinlehrbüchern nur weiße Menschen abgebildet werden und daher nie gelernt wird, wie z. B. Hautkrankheiten bei BIPoCs aussehen.8

Frauen mit Behinderungen
Auch Frauen mit Behinderungen berichten häufiger von Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen als Frauen ohne Behinderung.9 So seien diese zwei- bis dreimal so oft von sexuellen Übergriffen betroffen wie Frauen ohne Behinderungen und ihnen werde häufig nicht geglaubt, wenn sie davon berichteten.10 Zwar weisen Frauen mit Behinderungen dem Bericht zufolge durchschnittlich eine höhere psychische Belastung auf, aber sie schätzen ihren Gesundheitszustand auch schlechter ein, als Frauen ohne Behinderungen.11 Sie müssten mehr Leistungen der Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen, aber gleichzeitig bestände für sie ein beschränkter Zugang zu den Versorgungsangeboten – allein schon, in dem nicht alle Praxen barrierefrei erreichbar sind.11

Intersektionale Gendermedizin
Das ist sehr frustrierend zu lesen. Das RKI und das Statistische Bundesamt sprechen in ihren Schlussfolgerungen  von „Handlungsbedarf“ und „Verbesserung der Datenlage“.12 Das ist ein guter Anfang, aber uns muss allen bewusst sein, wo wir damit eben stehen: am Anfang. Umso wichtiger scheint mir, dass wir intersektional denken. Denn die medizinische Forschung muss uns alle repräsentieren und uns alle mitdenken. Alle haben ein Recht auf adäquate medizinische Behandlung. Und dafür müssen wir uns alle einsetzen.

Zum Beispiel, indem medizinisches Personal antirassistisch trainiert wird, indem intersektionale Fragestellungen in jedes Medizinstudium mutaufgenommen werden, indem Krankenkassen und Krankenhäuser Informationen gezielt auf mehreren Sprachen anbieten, ein Verzeichnis über Sprachkenntnisse in Arztpraxen erstellt wird oder Broschüren in leichter Sprache angeboten werden. 

Autorin

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  1. RKI und Destatis: Gesundheitliche Lage von Frauen in Deutschland. Berlin 2020. https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsB/Gesundheitliche_Lage_der_Frauen_2020.pdf?__blob=publicationFile. []
  2. Der Bericht spricht von „Frauen mit Migrationshintergrund“ und bezieht sich damit auf Frauen, die entweder selbst aus einem anderen Land eingewandert sind (1. Generation) oder auf Frauen, die mindestens ein Elternteil haben, das im Ausland geboren ist (2. Generation). Aufgrund der Empfehlung der Fachkommission Integrationsfähigkeit verwende ich hier den Begriff der Eingewanderten. Tagesschau: Begriff „Migrationshintergrund“ soll weg. 20.01.2021 https://www.tagesschau.de/inland/fachkommission-fordert-abschaffung-des-begriffs-migrationshintergrund-101.html []
  3. Vgl. RKI und Destatis: Gesundheitliche Lage von Frauen in Deutschland. Berlin 2020. https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsB/Gesundheitliche_Lage_der_Frauen_2020.pdf?__blob=publicationFile, 244. []
  4. Vgl. a.a.O., 255. []
  5. Vgl. a.a.O., 258 []
  6. Black in Medicine Hompage https://blackinmedicine.de. []
  7. Vgl. „Schwarzsein in der Medizin heißt…“ auf: Black in Medicine. https://blackinmedicine.de. []
  8. Tupoka Ogette: Instagram Highlight „RassismusHealth“. https://www.instagram.com/tupoka.o/?hl=de. []
  9. Vgl. RKI und Destatis: Gesundheitliche Lage von Frauen in Deutschland. Berlin 2020. https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsB/Gesundheitliche_Lage_der_Frauen_2020.pdf?__blob=publicationFile, 324. []
  10. Vgl. a.a.O., 339. []
  11. Vgl. ebd. [] []
  12. Vgl. a.a.O., 259, 339. []

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