Frauen in der Musik,  Salonthema

Inszenierung und Darstellung von Musiker*innen

Anfang April trafen wir uns zum Thema „Frauen in der Musik“ im virtuellen Salon, der mit dem Versuch begann, feministische Musik zu definieren. Daraufhin erhielten wir einige Einblicke in die Historie von Musiker*innen (v. a. in der klassischen Musik) und sammelten Künstler*innen, die für uns von besonderer Bedeutung im Hinblick auf feministische Grundhaltungen waren und sind. So weit so gut. Wie wir dann vom Thema abkamen und was wir daraus mitnehmen, fasse ich im Folgenden zusammen. 

Im Zusammenhang mit den genannten Künstlerinnen, deren Spektrum von Rap (Missy Elliott, Princess Nokia…) über Pop (Lizzo, Destiny’s Child…) oder Alternative, deutscher Musik uvm. reicht, kam die Frage auf, welche Eigenschaften Musik von Frauen für uns persönlich haben sollten, damit wir sie als besonders interessant und wertvoll erachten. 

Als relevante Themen wurden dabei u. a. das Ansprechen von „Tabuthemen“ genannt, sowie geäußerte Wut und Widerstand, klassische feministische Themen zu behandeln oder aber in den Texten politische bzw. gesellschaftliche Kritik zu verarbeiten. 

Ab ungefähr diesem Zeitpunkt änderte sich der Fokus unserer Diskussion.
Bis dato ging es vordergründig um die Inhalte: Wie muss etwas geschrieben sein? Was muss geschrieben stehen? Kann ein feministischer Song auch zum Beispiel ausschließlich instrumental sein? Muss es überhaupt Text geben, um eingeordnet werden zu können? Plötzlich diskutierten wir, welche Outfits wann angemessen sind oder für Skandale sorgen und inwiefern sich eine feministische Grundhaltung mit bestimmten Äußerlichkeiten vereinbaren lassen kann oder auch nicht. 

Angefangen hatte unsere Diskussion mit der Taylor Swift Dokumentation, die aktuell auf Netflix kursiert (Miss Americana; 2020). In dieser wird der feministische Wandel von Taylor Swift dargestellt und des Öfteren von ihr selbst thematisiert, inwiefern sich eine Frau in der Musikbranche v. a. optisch immer wieder neu erfinden müsse, um interessant und relevant genug für die großen Bühnen zu bleiben. Swift kritisiert dies öffentlich und berichtet von ihren Ess- und Selbstwahrnehmungsstörungen, die sich daraus entwickelten, sowie dem Druck, nach außen immer das perfekte Bild wahren zu müssen. 

Auf einmal sind wir dabei, darüber zu debattieren, welchen Einfluss bestimmte Outfits, besonders ausgefeilte Bühnenauftritte, Videos oder social media auf den Erfolg von Musiker*innen haben und welche starken Unterschiede dieses simple Beispiel zwischen Männern und Frauen sichtbar macht. Wie oft muss sich eine Frau im Gegensatz zu einem Mann während ihrer Laufbahn äußerlich verändern und inwiefern sind Skandale im Musikbusiness bei Frauen vordergründig von der visuellen Eigendarstellung und dementsprechend ihrer Veränderung geprägt, währenddessen sie bei Männern „tiefgründiger“ erscheinen. Wie lässt es sich beispielsweise einordnen, sich fast nackt auf der Bühne zu präsentieren? 

Von der Meinung ausgehend, dass es völlig in Ordnung sei, sich zu präsentieren, wie man es möchte, dies jedoch in den meisten Fällen kommentiert werde, kamen wir zu der Frage, inwiefern eine Musiker*in/Feministin, die in der Öffentlichkeit steht, ihren normativ schönen Körper freizügig präsentieren dürfe. Dadurch, dass Musiker*innen mit Vorbildfunktion für tausende/Millionen Follower*innen ihren normschönen Körper präsentieren, könnten sie (unbewusst) einen besonderen Einfluss auf v. a. junge Mädchen und Frauen ausüben. In diesem Fall kamen bei uns gespaltene Meinungen darüber auf, ob die betroffenen Frauen sich möglichst für Feminismus einsetzen sollten, indem sie betonen, dass jegliche Formen von Körpern akzeptiert sind. Doch auch dadurch könne bei den Follower*innen, die keinen normschönen Körper haben, eine zusätzliche Last entstehen, da zwar gesagt werde alle Körper seien schön, sich dies jedoch in der visuellen Präsenz nicht widerspiegelt. Andererseits entstehe für Musiker*innen, die ihren normativ schönen Körper präsentieren das Problem, dass sie sich dafür an Stellen ‚rechtfertigen‘ müssen, wo es andere nicht tun und es auch nicht verlangt wird; im Sinne von ‚pretty hurts‘. 

An diesem Punkt angekommen war die Stimmung gemischt, da wir recht unterschiedliche Meinungen vertraten. Doch Kristin fiel Eines auf: 

„Wir driften ab. Wir treffen uns, um über Frauen in der Musik zu sprechen und landen doch wieder nur dabei, wie Frauen sich auf der Bühne oder bei Instagram präsentieren. Damit machen wir genau das, was die Medien auch immer machen, anstatt sich mit der Musik zu beschäftigen.“ 

Plötzlich still, einige ein bisschen peinlich berührt, viele stutzig und einsichtig und definitiv jede von uns dankbar für den Einwurf. 

Da treffen wir uns schon explizit dafür, um Themen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, als es uns ohnehin von Geburt antrainiert wurde und landen am Ende doch bei der gleichen Frage:
„But what did she wear?“ Schöne Scheiße.

Es ist doch schwieriger als gedacht, aus den gelernten Denkmustern der letzten 20-30 Jahre herauszubrechen. Dies hat sicherlich einen massiven Anteil daran, dass ich, mich selbst als reflektierende und feministische Frau wahrnehmend, immer wieder in die Rolle zurückfalle, in die ich und auch die anderen seit vielen, vielen Jahren hineingedrängt werden.
Als wäre es völlig normal, sich gegenseitig wie anhand einer Punkteskala optisch zu bewerten und seine Meinung abzugeben. Und:
als hätte irgendjemand danach gefragt. 

Damit möchte ich nicht sagen, dass es völlig egal ist, was Musiker*innen tragen, da es oft zum Gesamtkonzept dazugehört und sicherlich ihren Teil zur Komplettierung des Bildes der Künstler*innen beiträgt. Aber wie verrückt ist es, dass die Äußerlichkeiten immer das Top Thema sind, über das sich die Geister scheiden und nicht der Inhalt ihrer Musik?

Daran schloss sich eine Diskussion um Skandale an, die Kristin in einem weiteren Beitrag näher beleuchten wird. Dass sich Britney Spears die Haare abrasiert, ist als Thema interessanter, als die Hintergründe dieser Aktion. Genauso wird Alicia Keys, die sich nicht mehr schminkt medial stärker in den Fokus genommen, als die z. T. feministischen Texte und Inhalte, die ihre Musik widerspiegelt. Doch dafür ist in den Medien kein Platz, denn was würden wir nur tun, wenn wir nicht mehr über die Äußerlichkeiten von Frauen öffentlich urteilen dürften? Uns etwa mit den Inhalten beschäftigen? Eine Qual. 

Wir nehmen uns selbst aus diesen Bewertungsschemata nicht heraus. Schließlich ist deutlich geworden, wie schwer es uns fiel, den richtigen Fokus in der Runde zu wahren und nicht über Äußerlichkeiten zu urteilen. Aber so soll es nicht bleiben, denn wir wollen versuchen, uns auf eine wertschätzendere Richtung im Hinblick auf die relevanten Aspekte der Musik von Künstler*innen zu konzentrieren, anstatt uns ablenken zu lassen. Wir möchten also nicht aufhören, uns selbst zu reflektieren und uns ab und an die Frage zu stellen: „Ist das gerade der Aspekt, anhand dessen ich einen Menschen bewerten möchte?“ 

Was viele Jahre gelernt wurde, kann nicht mit einem Fingerschnippsen rückgängig gemacht werden. Aber Einsicht und Reflektion ist wohl der erste Schritt zur Besserung. 

Autorin

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