Iran,  Salonthema

Die intersektionale Dimension der Proteste

Diese Revolution geht uns etwas an. Sie ist feministisch. Sie ist intersektional. Sie ist die Umsetzung von dem, worüber wir hier diskutieren. Diese Revolution ist geschlechter-, schichten- und ethnienübergreifend. Es ist ein Kampf um die Freiheit aller Menschen. Der Ruf nach „Azadi“ (Freiheit) hallt durch die Straßen des Irans.

Um die Proteste zu verstehen, möchte ich euch die Intersektionalität dieser angehenden Revolution näherbringen. Sie bezieht sich auf Ethnien, Geschlechter, Religionen, Altersgruppen sowie, sexuelle Orientierungen und ist in den Protesten hör- und sichtbar.  In der Berichterstattung wird dies nicht so sehr deutlich. Für mich ist die intersektionelle Dimension jedoch überall erkennbar: Wenn ich durch meine sozialen Medien scrolle, mit Freund:innen und Verwandten spreche und die Gesänge höre…  In diesem Beitrag teile ich (Deutsch-Iranerin) daher meine Eindrücke, die ich vor allem über iranische Twitteraccounts erhalte, übersetze euch die Protestrufe und erkläre euch Hintergründe der Diskriminierungen im Iran.

Ethnische Minderheiten 

Der Iran ist ein Vielvölkerstaat. Es wird geschätzt, dass von rund 80 Millionen Iraner:innen bis zu 35 Millionen einer ethnischen Minderheit angehören. Die iranische Regierung veröffentlicht selbst keine Zahlen. Sie hat Angst davor, dass Minderheiten ihre Größe erkennen und dadurch Repräsentanz im Parlament einfordern oder sich gar unabhängig machen wollen. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung gibt es Berechnungen, welche Folgendes skizzieren: Etwa 20 Prozent der Bevölkerung machen Aserbaidschaner:innen aus, zehn Prozent Kurd:innen, sechs Prozent Lor:innen , je zwei Prozent Araber:innen und Balutsch:innen, ein Prozent Turkmen:innen und außerdem wohnen mehrere Millionen Afghan:innen im Iran.1  Auslöser der angehenden Revolution war der Tod von Jina Mahsa Amini. Dieser Fall steht symptomatisch für die Diskriminierung von Frauen, als auch für den staatlich-strukturellen Rassismus gegenüber Minderheiten. Auf den Straßen im Iran wird „Jin Jiyan Azadi“ und die Übersetzung auf Farsi „Zan Zendegi Azadi“ gerufen. Die Parole „Jin Jiyan Azadi“ (Frau Leben Freiheit) stammt aus dem Befreiungskampf kurdischer Frauen. Sie hat sich auf die gesamte Protestbewegung ausgeweitet. Kurd:innen werden, wie auch weitere Minderheiten, im Iran strukturell diskriminiert. Auch jetzt, während der Proteste, geht das Regime in kurdischen Gebieten unglaublich brutal vor. Beispielsweise häufen sich Berichte über Massaker in Sanandaj.2 Das Regime versucht den strukturellen Rassismus für sich zu nutzen. Die Bevölkerung jedoch kämpft Seite an Seite. Iraner:innen rufen auf den Straßen „Kurdistan Kurdistan, du bist die Augen und das Licht Irans“. Dies ist ein Beispiel dafür, dass die Revolution das Potenzial hat, Spaltungen von Herkunft, Geschlecht, Religion u.w. zu überwinden. 

Shirzan– Frauen im Iran 

Angeführt werden die Proteste von Frauen. Die Existenz von Frauen ist politisch. Jede Sekunde, in welcher Frauen, die kein Kopftuch tragen möchten, in der Öffentlichkeit im Iran keines tragen, setzen sie ein gewaltiges politisches Statement. Sie brauchen nichts zu sagen, kein Plakat zu tragen. Auf Farsi sprechen wir von Shirzan (Löwenfrau), denn die Frauen besitzen einen unglaublichen Mut. Sie riskieren ihr Leben, um Menschenrechte zu erlangen. Trotz all der Unterdrückung haben sie die Kraft und den Mut, dieses Regime zu stürzen. Sie kämpfen gegen ein Regime, welches Säureanschläge auf Frauen verübt, welches Frauen tötet.3 Sie kämpfen aber nicht alleine. Alle Geschlechter sind auf den Straßen versammelt und rufen „Frau Leben Freiheit“. Sie alle sind sich einig alles zu geben „von Zahedan bis Teheran, ich opfere mich für Iran“. 

Religiöse Minderheiten im Iran 

Im Iran leben viele religiöse Minderheiten. Es finden sich neben Muslim:innen, Gemeinden des Judentums, der Bahá‘í, des Christentums (Armenier:innen, Assyrer:innen und Chaldäer:innen) sowie des Zoroastrismus. Die iranische Verfassung zählt jedoch die Bahá’í nicht zu den sogenannten „anerkannten religiösen Minderheiten“ (siehe Artikel 13 der iranischen Verfassung). Daher sind sie verfassungsrechtlich schutzlos gestellt. Sie werden im Iran strukturell diskriminiert und verfolgt. Beispielsweise dürfen Bahá’í nicht studieren und nicht für öffentliche Behörden arbeiten. In den letzten Monaten nahmen die Angriffe des Regimes auf sie zu: Häuser von Bahá’í wurden zerstört und ihr Eigentum wurde entwendet.4 Zu Beginn der Proteste posteten Iraner:innen Tweets über die Missstände im Iran. All diese begannen mit dem Wort „Baraye” (für..). Aus einigen dieser Posts kreierte der Sänger Shervin Hajipour den Song „Baraye“. Auf Twitter wird bei der Aufzählung der Missstände auch die Diskriminierung der Bahá’í genannt und betont, dass auch für sie Freiheit eingefordert wird.

Die Kinder des Irans 

Jetzt, wo ich diesen Blog schreibe, lese ich auf Twitter, dass heute (am 03.11.22) in Teheran ein zweijähriges Kind mit Schrotkugeln getroffen wurde. Vor kurzem erst wurde ein neunjähriges Mädchen getötet.  Beide Kinder wurden auf offener Straße erschossen/ angeschossen. Das Regime hat bereits mehrere Kinder und Jugendliche umgebracht.5 Kinder wachsen nun damit auf „Frau Leben Freiheit“ zu rufen. Das Regime geht gegen die Kinder vor und lässt sie mit Tränengas in ihren Schulen attackieren. „Ein Regime, dass Kinder tötet wollen wir nicht!“ hallt es in den Straßen des Irans. In vielen Schulen wird versucht, die Propaganda des Regimes zu verbreiten. Schulleiter wollen Schüler:innen dazu auffordern, Amerika den Tod zu wünschen. Doch diese Schüler:innen besitzen einen unglaublichen Mut. Sie antworten mit „Tod dem Diktator“. 

Queer Iran 

Mittlerweile sind im Ausland viele Plakate mit dem Slogan „Die Zukunft des Irans ist queer“ zu sehen. Diese Revolution muss Freiheit für alle Menschen schaffen. Wie ihr euch vermutlich schon vorstellen könnt, haben queere Menschen im Iran keine Rechte. Die Behörden des iranischen Regimes sind queerfeindlich und seit langem dafür bekannt, Anschuldigungen gegen Aktivist:innen zu erfinden, um körperliche Bestrafungen, als auch die Todesstrafe, zu rechtfertigen. 

Diesen Abschnitt möchte ich nutzen, um die Geschichte von Zahra Sedighi-Hamadani und Elham Choubdar zu erzählen. Zahra Sedighi-Hamadani (Sareh) lebte in Erbil, Irak, und nutzte eine virtuelle Plattform, um über die Menschenrechte von LGBTQI+ Personen zu sprechen. Sie wurde im Oktober 2021 im Iran verhaftet, als sie versuchte, in die Türkei zu fliehen. Zuvor hatte sie an einem Interview mit BBC Persian teilgenommen und sich zur menschenunwürdigen Situation von LGBTQI+ Personen geäußert: „Warum spreche ich in der Öffentlichkeit? Weil ich nicht möchte, dass andere LGBT-Freunde das durchmachen müssen, was ich durchgemacht habe. Ich möchte nicht, dass andere Frauen wie ich eine Zwangsehe durchmachen müssen“.6 Berichten zufolge wurde Sareh dazu gezwungen, “Verbrechen” zu gestehen. In zahlreichen Fällen wendet das Regime Folter an, um solche Geständnisse zu erwirken. Dementsprechend ist es sehr wahrscheinlich, dass auch Sareh gefoltert wurde. Elham Choubdar ist eine Freundin von Sareh und wohnte im Iran. Gemeinsam sind sie in Instagram-Live-Sessions aufgetreten. Nach der Verhaftung von Sareh wurde auch Elham Choubdar angeklagt, weil das Regime queerfeindlich ist und sich Anschuldigungen ausdenkt. Das Revolutionsgericht von Urumieh in der iranischen Provinz West-Aserbaidschan verurteilte Ende August 2022 die beiden wegen “Korruption auf Erden” zum Tode und ließ ihren Anwält:innen nur 20 Tage Zeit, um Berufung einzulegen.7

Die Proteste sind intersektional!

Deutlich wird, dass Diskriminierung im Iran auf vielfachen Ebenen stattfindet. Der aktuelle Kampf der Menschen im Iran ist nicht nur gegen eine Diskriminierungsform gewandt, sondern gegen mehrere. Es sind also nicht nur Frauen, die protestieren, sondern es sind Kurd:innen, queere Menschen, Atheisten, religiöse Menschen und viele weitere.

Bei all dem Kampf um Freiheit können Diskriminierungsformen nicht von heute auf Morgen verschwinden. Wir machen die ersten Schritte Richtung Einheit in Vielfalt und können Diskriminierungsformen Stück für Stück abbauen. Wir haben Kraft und Ausdauer, wir schaffen das! 

Dies hier sind vereinzelte Beispiele. Bitte bedenkt, dass das Sichtbarmachen von bestimmten Minderheiten, wiederrum andere automatisch in den Hintergrund rückt.

Autorin

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  1. Charlotte Wiedemann, Vielvölkerstaat Iran: Das Misstrauen der Regierung, 13. Januar 2020, Bundeszentrale für politische Bildung, Webseite bpb: : https://www.bpb.de/themen/naher-mittlerer-osten/iran/303146/vielvoelkerstaat-iran-das-misstrauen-der-regierung/ , Zugriff am 11. November 2022 []
  2. Redaktion Mena-watch, Iranisch-Kurdistan: Sicherheitskräfte gehen mit massiver Gewalt gegen Proteste vor, 15. Oktober 2022, Webseite: https://www.mena-watch.com/iranisch-kurdistan-sicherheitskraefte-gehen-militaerisch-gegen-proteste-vor/, Zugriff am 11. November 2022 []
  3. Süddeutsche Zeitung: Tausende protestieren gegen Säureangriffe auf Frauen, 23. Oktober 2014, Website Süddeutsche: https://www.sueddeutsche.de/panorama/iran-tausende-protestieren-gegen-saeureangriffe-auf-frauen-1.2187304 , Zugriff am 14. November 2022 []
  4. Iranwire: Baha’i Persecution Intensifies with Demolition of Homes and Land Grabs, 2. August 2022, Website Iranwire: https://iranwire.com/en/bahais-of-iran/106241-breaking-iranian-government-intensifies-bahai-persecution-with-outrageous-demolition-of-homes-and-land-grabs/, Zugriff: 14. November 2022 []
  5. Amnesty International: Iran: Mindestens 23 Kinder getötet bei brutaler Niederschlagung von Protesten, 13. Oktober 2022, Website Amnesty International: https://www.amnesty.de/allgemein/pressemitteilung/iran-mindestens-23-kinder-getoetet-bei-brutaler-niederschlagung-von-protesten  , Zugriff am 14. November 2022 []
  6. Sabine Hannakampf: Iran: Erstmals queere Aktivistinnen zum Tode verurteilt, 12. September 2022, Website Männer*: https://www.maenner.media/gesellschaft/ausland/iran-erstmals-queere-aktivistinnen-zum-tode-verurteilt/ , Zugriff am 14. November 2022 []
  7. 6 Rang: ran must immediately retract the death penalty sentence imposed on LGBTI activists Zahra Sedighi-Hamadani (Sareh) and Elham Choubdar and drop all charges against them, 8. September 2022, Website 6 Rang: https://6rang.org/english/3348/ , Zugriff am 14. November 2022 []

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