Modeindustrie,  Salonthema

Bad Feminism? Sexualisierung durch Mode 

Feminismus und Modeindustrie sind Themen, die man gemeinsam betrachten sollte. Nachdem wir in den letzten Wochen die Produktionsbedingungen der Modeindustrie aus feministischer Perspektive beleuchtet haben, geht es aktuell um die Produkte, die Kleidungsstücke, die Bilder, die Körper. Dabei denke ich automatisch an meinen eigenen Umgang mit Mode. 

Bin ich eine schlechte Feministin, wenn ich mich in Kleidung wohlfühle, die dem „male gaze“ entspricht?1 Heißt mich „aufreizend“ zu kleiden, dass ich der Sexualisierung meines Körpers zustimme? Was ist „aufreizend Kleiden“ eigentlich? Ist es gleichermaßen aufreizend, ein Shirt mit Rundausschnitt anzuziehen, wenn du Körbchengröße A hast, wie mit Körbchengröße Doppel D? Wo liegt die Grenze? Ich bin wütend, dass es da offensichtlich Grenzen gibt. Wer hat das entschieden?

Feministinnen haben kurze Haare

Kürzlich hatte ich eine politische Auseinandersetzung mit einem Mitbewohner. Unsere Meinungen gingen stark auseinander, schließlich auch beim Thema Feminismus. Er war beispielsweise der Meinung, er könne gar kein Feminist sein, weil er ja ein Mann sei (achso! … anderes Thema). 

Irgendwann habe ich mich konkret als Feministin bezeichnet. 
Seine Reaktion: Schock. Ich kleide mich doch gar nicht wie eine, ich sehe nicht wie eine aus. 
„Wie kleidet sich eine Feministin?“, habe ich ihn gefragt. 
„Naja, eher maskulin, wenig provokativ. Sie haben oft kurze Haare und unrasierte Beine“, antwortete er. 
Ich wusste gar nicht, was ich mit der Masse an Fehlinformationen anfangen sollte. „Ich kleide mich provokativ? Was provoziere ich denn?“, habe ich ihn dann gefragt. 
Darauf wusste er keine Antwort. Er wiederholte lediglich, dass ich nicht aussehe wie eine Feministin. 

Dieses Gespräch hat mich wütend gemacht. Ich fing mit einem Monolog darüber an, dass Feminismus für mich bedeutet, genau das mit meinem Körper und meiner Kleidung zu tun, was ich möchte. Wenn das bedeutet, mir eine Glatze zu rasieren und nur noch rosa zu tragen, ist das genauso fein, wie alles andere auch. Das heißt: Feminist:innen an der Kleidung zu erkennen, gibt es für mich nicht. Ich habe die Freiheit der Wahl meiner Kleidung wie eine Löwenmama verteidigt. 

Mein Einsatz von Mode

Später habe ich mir überlegt, wie wahr das ist; wie frei die Wahl meiner Kleidung wirklich ist. Ich kann nicht leugnen, dass ich weiß, wie bestimmte Kleidung an meinem Körper auf andere Personen wirken kann. Ich nutze diese Information entsprechend im Alltag: „Wäre ja blöd, wenn nicht“, denke ich mir. Wenn ich früher als Kellnerin gearbeitet habe, hat mir eine tief ausgeschnittene Bluse mehr Trinkgeld eingebracht als ein Rollkragenpullover. Bei einer anstehenden Bewerbung muss ich „mit meiner Oberweite“ stets darauf achten professionell zu wirken. Aber kann man mit dicken Brüsten in einer Bluse überhaupt professionell wirken? Ist „professionell“ in dem Fall die Kleidung oder der Körper unter der Kleidung? Ist die Sexualisierung meines Körpers nicht sowieso so weit fortgeschritten, dass es völlig egal ist, wie oder mit was ich ihn umhülle? 

Good or Bad Feminism?

Mittlerweile hat sich meine Meinung dazu angepasst. Ich weiß, dass ich wie viele andere Frauen sozialisiert wurde und gelernt habe, meine Kleidung meinem Körper entsprechend so anzupassen, wie es gesellschaftlich erwartet wird. Mittlerweile kann ich diese Erwartungshaltung reflektieren und habe auch gelernt, dass es mich nicht mehr oder weniger zur Feministin macht, bestimmte modische Entscheidungen zu treffen. Es macht mich auch nicht mehr oder weniger professionell, welche Körpermerkmale sich unter meiner Kleidung verbergen. Wenn eine Person ein Problem mit meiner Kleidung hat, dann ist das nicht mein Thema! Ich habe das Problem schließlich nicht. Dennoch ist es so leicht nicht getan, denn dann treffe ich plötzlich auf eine Person, die mich anhand meiner Kleidung bzw. äußerlichen Merkmale nicht als Feministin anerkennen will. 

Es ist immer wieder anstrengend diese Debatten auszutragen. Auch meine Meinung dazu ändert sich quasi minütlich. Jetzt gerade (10. Mai 2022, 17:19 Uhr) sehe ich es so: Ich bin unzufrieden mit der Gesamtsituation. Es wird immer Personen geben, die meine Kleidung, egal wie sie sein mag, nicht verstehen oder nachvollziehen können und mich spontan in Schubladen stecken: professionell – unprofessionell, Feministin – keine Feministin. Das ändert jedoch nichts daran, dass ich meinen Wert habe und du deinen und sie ihren und er seinen.

Der Weg ist lang, aber ich denke da draußen ist nun eine Person mehr, die verstanden hat, dass die Kleidung nicht darüber entscheidet, ob du ein good oder bad feminist bist. Feminismus ist für mich nämlich ermöglichen nicht begrenzen.


Zur Sprache auf diesem Blog: Immer, wenn wir Genderbezeichnungen nutzen, beziehen wir uns gleichermaßen auf trans wie cis Menschen. Uns ist bewusst, dass die von uns verwendeten Begriffe soziale Konstrukte sind und es mehr als zwei Geschlechter gibt. Um gendersensible Sprache zu verwenden, nutzen wir den Doppelpunkt. Falls wir über eine Person schreiben, die sich eine andere Selbstbezeichnung wünscht, verwenden wir diese.

Schwarz wird großgeschrieben, da dies nicht für eine Hautfarbe, sondern politische Selbstbezeichnung steht. weiß wird kursiviert, da es sich dabei um eine privilegierte Positionszuschreibung handelt.

Autorin

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  1. Der Begriff Bad Feminism geht auf Roxanne Gays gleichnamiges Buch zurück, indem sie diskutiert, wie populäre Inhalte mit ihrem Feminismus (nicht) zusammengehen, vgl. Roxanne Gay, Bad Feminist, Harper 2014. []

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